EM-Qualifikation

Doppelpack und Anführer: BVB-Kapitän Reus dirigiert DFB-Team zum Kantersieg

Zum Abschluss der Saison 18/19 feiert die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Mainz mit dem 8:0 gegen Estland eine wilde Torparty. Mittendrin: BVB-Kapitän Marco Reus.

Reus hat im Vorfeld nicht verraten, ob er mit einem mulmigen Gefühl in die Partie in der Opel Arena gehen würde. Platzte hier doch sein großer Traum von der Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Im letzten Vorbereitungsspiel vor der Abreise nach Brasilien knickte der BVB-Kapitän kurz vor der Pause böse um, es ging nicht mehr weiter für den damals 25-Jährigen. Und als die Mitspieler in Rio sechs Wochen später den WM-Pokal in die Höhe reckten, saß Reus traurig daheim. Sein Fuß steckte in einem Gipsverband, die Syndesmose war gerissen. Er fehlte bis in den Herbst hinein.

Reus und die unerfüllten Hoffnungen

Der Dortmunder und seine Karriere beim DFB, das blieb bis heute eine Geschichte der unerfüllten Hoffnungen. Auch beim EM-Turnier 2016 war er verletzt, 2018 ging er mit allen anderen in Russland baden. Doch fünf Jahre nach seiner schweren Verletzung in Mainz ist Reus einer der neuen führenden Köpfe dieser jungen Nationalmannschaft, die mit dem Sieg über die überforderten Estländer ihre weiße Weste in der EM-Qualifikation wahrte und wie vom erkrankten Joachim Löw gefordert auch ohne den Bundestrainer vor der Sommerpause sechs Punkte auf ihr Konto in der EM-Qualifikation packte.

Nach dem souveränen Erfolg am Samstag in Weißrussland war die deutsche Elf komplett anders gefordert gegen die Esten, die im 5-4-1 ihre defensive Mauer so weit hinten aufbauten, dass die deutsche Hälfte über weite Strecken komplett verwaist war. Bayerns Niklas Süle stand 20 Meter in der gegnerischen Hälfte als letzte Bastion zur Absicherung hinten, das Geschehen spielte sich zumeist am Straufraum der Gäste ab, die ihre Hoffnung, lange ein 0:0 halten zu können, aber früh begraben mussten.

Reus staubt locker ab

Wie man gegen einen tief gestaffelten Gegner Lücken reißen kann, zeigten die ersten beiden Tore der DFB-Elf eindrucksvoll. Deutschlands Dreiersturm rückte immer wieder in der Mitte eng zusammen, das bildete ein numerisches Gegengewicht zur dichten Fünferkette. Dass Serge Gnabry rechts und Leroy Sane links sehr früh einrückten, schaffte vor allem aber Platz für die vorrückenden Außen. Rechts war dies Thilo Kehrer, einer von zwei Neuen im DFB-Team, der mit einem tollen Pass von Ilkay Gündogan frei zur Grundlinie kam, seinen Rückpass donnerte Reus in die Maschen (10.). In der Entstehung identisch das 2:0: Wieder lupfte Gündogan in den Rücken der Abwehr, diesmal brachte Sane den Ball in die Mitte. Gnabry drückte ihn über die Linie (17.).

Die Spielfreude im deutschen Team ebbte danach nicht ab, Dortmunds Reus war dabei eine der prägenden Figuren. Er donnerte einen Ball aus 16 Metern ans Lattenkreuz, sein Freistoß wenig später stieg sehenswert über die Mauer, um sich dann ins Eck zu senken - das war schon das 5:0 (39.). Zuvor hatten Leon Goretzka (20.) und Gündogan per Elfmeter (26.) das Ergebnis in die Höhe geschraubt.

Reus hat viel aufzuholen

Wenn auch das eindeutige Resultat gegen einen allenfalls zweitklassigen Gast nur bedingt als Gradmesser taugt, so gab auch dieser Auftritt doch genügend Argumente für einen positiven Blick auf die kommende, die EM-Saison. Mit einem Durchschnitts-Alter von 25,45 Jahren hat Löw die Mannschaft wie angekündigt deutlich verjüngt. Reus mit 30 Jahren, Manuel Neuer (33) im Tor und Ilkay Gündogan (28) im Zentrum sind ihre Köpfe.

Der Dortmunder hat viel aufzuholen im DFB-Trikot, und auch in seinem 41. Pflichtspiel in dieser Saison war viel von der Leichtigkeit zu sehen, die sein Spiel so besonders macht. Siebeneinhalb Jahre nach seinem Debüt im Kreis der Nationalmannschaft war die Partie gegen die Esten erst Reus' 41. Länderspiel. Viel zu wenige Einsätze für einen seiner Klasse, der aber viel zu oft verletzt zuschauen musste.

Reus mit den größten Sympathiewerten

Den Elan der ersten Hälfte brachte die DFB-Elf nach der Pause nicht mehr auf den Rasen. Neuer bekam sogar einige Arbeit, bevor erneut Reus knapp scheiterte (58.). Nach 65 Minuten, Gnabry hatte zwischenzeitlich auf 6:0 erhöht (63.), endete die Saison für Reus. Riesengroßer Applaus begleitete seine Auswechslung, als Gesicht dieser neuen Elf, die in einem Jahr sicher mehr gefordert sein wird als an diesem lauen Sommerabend in Mainz, genießt der BVB-Kapitän unüberhörbar die größten Sympathiewerte. Wenn dann bei der "europäischen EM" die Titelfrage geklärt wird, möchte Reus eine Hauptrolle spielen. Die letzten beiden Tore durch Werner (75.) und Sane (88.) erlebte er entspannt von der Bank aus.

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