3:3 gegen Hoffenheim

Stefes und Terzic erleben ein dramatisches BVB-Debüt

Grippe, nichts ging mehr: BVB-Trainer Favre musste als Coach beim 3:3 gegen Hoffenheim passen. Seine beiden Co-Trainer erlebten ein dramatisches Debüt als Bank-Chefs. Die Analyse.

Die Mannschaftsbesprechung im Teamhotel am Samstagmittag ließ sich Lucien Favre nicht nehmen. Doch er hielt Abstand. Der grippale Infekt, der ihm wie einigen Spielern in den vergangenen Tagen arg zu schaffen machte, versetzte dem Trainer den K.o. "Die Gesundheit geht vor", betonte Sportdirektor Michael Zorc. Also standen die Männer aus der zweiten Reihe diesmal in vorderster Front.

Ständig mit Favre in Kontakt

Manfred Stefes (51) bringt die Erfahrung von rund 600 Profispielen als Assistent mit. Edin Terzic (38), für gewöhnlich unter anderem für die Spielbeobachtung der Gegner zuständig, steht ihm in seiner ersten Bundesliga-Saison mit gerade 30 Spielen zur Seite.

Mit Favre stehen die beiden Co-Coaches vor und während der gesamten Partie telefonisch in Kontakt. Bei Bekanntwerden der Gäste-Aufstellung direkt, danach indirekt über den Video-Analysten auf der Tribüne, der die stille Post via Headset auf die Bank weiterleitet. Auch zur Halbzeit, als noch alles auf einen souveränen Dortmunder Sieg hinausläuft, gibt es einen Austausch von Ideen, "wie sonst auch immer", erklärte Terzic. Nur diesmal "altmodisch per Telefon" und nicht direkt am Spielfeldrand.

Götze steht im Abseits

Ganze 148 Sekunden dauert es, bis Stefes erstmals eingreift und sich Lukasz Piszczek an die Seitenlinie ruft. Neue Instruktionen als Reaktion auf die Taktik des Gegners. Die Hoffenheimer agieren - ähnlich wie Werder Bremen unter der Woche - in einem defensiv kompakten 5-3-2-System. Auffällig: Bis zur Pause erlaubt der BVB keinen ernsthaften Torschuss der Gäste. Und nach einer gewissen Anlaufzeit finden die Borussen schnellere und bessere Lösungen, um zu eigenen Torchancen zu kommen.

Mehrfach erhält Maximilian Philipp von Terzic und Stefes weitere Anweisungen. Im Zentrum findet der BVB weniger statt als auf den Flügeln. Dort trumpft Jadon Sancho, nach seinem grippalen Infekt wieder genesen, groß auf. Dem ersten Treffer verweigert Schiedsrichter Marco Fritz korrekterweise die Anerkennung, weil Mario Götze im Abseits steht und den Gegenspieler behindert (11.).

Nach einer halben Stunde bedient dann Piszczek Sancho mit einem Doppelpass, der Engländer versenkt den Ball flach im hinteren Eck. Stefes und Terzic springen jubelnd auf, klatschen sich ab, kurze Umarmung. 1:0, so konnte es weitergehen (32.). Noch vor der Pause legen die immer stärker aufspielenden Borussen nach. Perfektes Umschaltspiel über Achraf Hakimi und Axel Witsel, den Abpraller nach Sanchos Torschuss staubt Mario Götze ab (43.). Auf der Trainerbank weicht die Anspannung kurz der Begeisterung.

"Immer wieder Sancho ins Spiel gebracht"

Mit 65 Prozent Ballbesitz und Zweikampfwerten im ähnlichen Bereich dominieren die Dortmunder den Gegner. Da hatten auch die (Co-)Trainer wenig zu meckern, die engagiert und wohldosiert von außen in die Partie eingreifen. "Wer wird Deutscher Meister", fragen die Fans lautstark zur Pause und haben die gewünschte Antwort auch gleich parat: "BVB Borussia". "Wir haben das Spiel gut auf die Seiten verlagert und immer wieder Jadon Sancho ins Spiel gebracht, der eine klasse Partie abgeliefert hat", erläutert Terzic später.

Aufgegeben haben sich die Gäste aber nicht, die mit zwei neuen Spielern, mehr Engagement und Zug zum Tor aus der Kabine kommen und sich Chancen erarbeiten. 52. Minute: Beratung beim Dortmunder Trainer-Duo in der Coaching Zone, wie darauf zu reagieren ist. Raphael Guerreiro wird an die Seitenlinie beordert, Terzic flüstert ihm Geheimnisse ins Ohr.

"Das ist normalerweise der Bruch im Spiel"

Hoffenheim erzwingt trotzdem eine Druckphase, der BVB kommt nicht mehr zur Entlastung oder in längere Ballbesitzphasen. Viel Coaching ist jetzt nötig. Beruhigen, dirigieren. Und ein guter Angriff: Der kommt über die rechte Seite, Sancho legt per Hacke für Götze auf, den Rückpass von der Grundlinie muss Guerreiro nur noch reinschieben (66.). Das 3:0, da ist der Deckel drauf, zu einem ganz wichtigen Zeitpunkt. So scheint es. "Das ist normalerweise der Bruch im Spiel", sagt auch 1899-Trainer Julian Nagelsmann. "Wir haben eine gute Mentalität bewiesen."

Denn die Gäste spielen weiter nach vorne. Ishak Belfodil trifft zum 3:1 (75.) und Hoffenheim drängt auf den Anschlusstreffer. Der fällt durch Pavel Kaderabek (83.) just in dem Moment, als der BVB gerade wechselt. Beide Treffer fallen übrigens nach Flanken, da herrscht immer wieder große Not in Borussias Hintermannschaft. Ömer Toprak kommt für Götze, ein Wechsel auf verstärkte Defensive, hinten spielt Dortmund jetzt mit einer Fünferkette. Zittern ist angesagt.

"Ein 3:0 dürfen wir nicht aus der Hand geben"

Die TSG spürt, dass noch was geht, läuft insgesamt 123 Kilometer (BVB: 120). Und gleicht tatsächlich aus. Freistoßflanke, Belfodil hechtet mit dem Kopf zum Ball, 3:3 (87.). Übrigens nach einem ähnlichen Strickmuster wie das 1:0 von Werder Bremen am Dienstag. "Wir haben naiv verteidigt bei den Toren und da entscheidende Duelle verloren, die wir auch gewinnen können", analysierte Stefes.

An der Seitenlinie stecken Terzic und Stefes die Köpfe zusammen. Jetzt noch einzuwirken - schwer. Das Spiel steht auf Messers Schneide. Bei drei Minuten Nachspielzeit ist noch alles drin. Für beide Mannschaften. Es bleibt beim Remis. Ein Ergebnis, das Stefes als "extrem bitter" einstuft. "Wir spielen 75 Minuten extrem gut, führen 3:0 und können das vierte Tor noch nachlegen." Mario Götze, Torschütze und Vorbereiter, räumt ein: "Der Trainer fehlt, das ist ja klar. Aber ein 3:0 dürfen wir nicht mehr aus der Hand geben."

Grippe und Bluthochdruck

Auch Terzic hadert: "Es ist ärgerlich, dreimal die Führung aus der Hand zu geben innerhalb von sieben Tagen. Aber wir haben immer gesagt, dass wir eine junge Mannschaft haben, die Fehler macht und der wir auch Fehler zugestehen."

Lucien Favres Gesundheitszustand dürfte sich dadurch nicht verbessert haben, neben seiner Grippe dürfte er womöglich auch noch Bluthochdruck bekommen haben. Stefes telefonierte unmittelbar nach dem Abpfiff wieder mit seinem Chef. "Er ist genauso enttäuscht wie wir alle." Aber, so der 51-Jährige, auch den Punkt müsse man mitnehmen. Dieses dramatische 3:3 benötigt Aufarbeitung. Dann bald wieder mit zusammengesteckten Köpfen.

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