Dortmunder Fußballer im Porträt

Marvin und Lion Schweers: Zwischen Karriereende und dritter Liga

Dortmund - Mit 26 Jahren musste Marvin Schweers verletzungsbedingt mit dem Fußball aufhören. Dennoch wirkt er nicht niedergeschlagen. Ein Grund für seine gute Laune ist sein kleiner Bruder Lion (22).

Diese eine Situation wird Marvin Schweers nie vergessen. Nie. Es war das Fußball-Kreispokalfinale im Oktober 2013. Im Trikot des ASC 09 Dortmund stand er damals gegen den BSV Schüren auf dem Platz. Er wollte den Ball an seinem Gegenspieler Emmanuel Peterson vorbeispitzeln. Es kam aber zum Zusammenstoß, Peterson traf Schweers mit voller Wucht am Knie.

Keine Vorwürfe

"Das war für mich der Anfang vom Ende", erinnert sich der 26-Jährige. Sein Mitspieler David Steindor trug ihn damals vom Platz. Ein Riss im Knorpel unterhalb der rechten Kniescheibe wurde später diagnostiziert. Die Innenbänder waren zudem gedehnt. Ein halbes Jahr Pause. Einen Vorwurf macht er Peterson aber nicht. "Das war einfach Pech."

Es kam noch schlimmer für ihn. Im Februar 2015 blieb Marvin Schweers in der Oberliga-Partie gegen den FC Gütersloh mit den Stollen im Rasen hängen. Die Ärzte übersahen einen Kreuzbandriss im rechten Knie, der erst ein halbes Jahr später diagnostiziert wurde. "Ich habe wirklich ein halbes Jahr mit einem Kreuzbandriss gespielt. Irgendwann ging es nicht mehr, und ich bin dann noch einmal zum Arzt gegangen", sagt der gelernte Versicherungskaufmann.

Lion für Münster aktiv

Sein kleiner Bruder Lion spielte zu diesem Zeitpunkt in der A-Junioren-Bundesliga für den SC Preußen Münster, für den er heute noch in der Dritten Liga aktiv ist. Er war damals gerade vom TSC Eintracht in die Domstadt gewechselt. Marvin wohnte in der obersten Etage des Hauses seiner Eltern, Lion ganz unten.

Es war nur eine räumliche Distanz. In Wirklichkeit standen sich die Brüder immer nah. "Pubertät ist Pubertät. Da gab es natürlich kleine Krisen zwischen uns. Aber insgesamt begegnen wir uns schon immer auf Augenhöhe", sagt Marvin Schweers. Und er holte sich in der schweren Phase nach der Kreuzband-Operation Tipps bei seinem Bruder.

Kleiner Bruder trainiert den großen

Keine Selbstverständlichkeit unter Brüdern, dass sich der Große bei dem Kleinen Tipps holt. "Wenn der große Bruder dir solch einen Respekt entgegenbringt, macht das einen natürlich stolz", sagt Lion. Der kleine Bruder wurde zum persönlichen Trainer, zum Motivator. "Irgendwann haben wir meine Krücken in die Ecke geschmissen. Er hat mir dann gesagt: Wir kriegen das wieder hin." Lion war ab sofort für das Aufbautraining, die Rehabilitation und die Ernährung seines Bruders mitverantwortlich.

"Gesunde Ernährung war schon immer ein großes Thema bei uns zu Hause. Aber seitdem Lion bei den Preußen ist und er die professionelle Sicht mitbringt, leben wir sogar noch ein Stück gesünder", sagt Marvin Schweers. Chia-Samen eingelegt in Mandelmilch mit Haferflocken und Erdbeeren am Morgen, Spinat und Lachs am Mittag und ein bisschen Hähnchenbrust oder Magerquark mit Früchten am Abend - so sieht heute die normale Speisekarte aus.

Professionalität auf und neben dem Platz

Diese Professionalität auf und neben dem Platz haben Lion Schweers zu einem hochtalentierten Innenverteidiger der Dritten Liga werden lassen. "Er ist extrem lernfähig, hört viel zu und macht große Schritte nach vorne", sagt Preußens Co-Trainer Kurtulus Öztürk. Er traut ihm definitiv die Zweite Liga zu.

"Es ist schön zu hören, wenn man gelobt wird. Aber aktuell habe ich noch bis 2019 einen Vertrag bei den Preußen und denke nicht an die Zweite Liga", sagt Lion. Professionell eben. Missgunst gab es zwischen den Brüdern nie. Nicht als Marvin in der Jugend für den BVB spielte und Lion "nur" beim TSC Eintracht - und auch nicht, als Lion seinen Bruder mit dem Wechsel zu den Preußen sportlich übertrumpfte. "Neid? Ganz im Gegenteil. Ich bin stolz, solch einen Bruder zu haben. Er hat sich alles verdient", so Marvin.

Fokussiert und liebenswürdig

Lion sei extrem fokussiert und liebenswürdig. Ein Bruder, den man gerne in den Arm nehme. "Und er ist auch der bessere Fußballer. Wir sind zwar beide Innenverteidiger, er ist spielerisch aber viel besser, als ich es je war. Bei mir hat es häufig in den Zweikämpfen gerummst, er löst seine Duelle mit Über- und Weitsicht."

Marvin kämpfte sich mit der Hilfe von Lion nach der Kreuzband-OP 2015 wieder an das alte Oberliga-Niveau heran. Er stand später im Kader des ASC, wechselte noch zum Ligakonkurrenten FC Brünninghausen. Doch auch hier hatte er Pech. Die linke Kniescheibe sprang während einer Partie in Brackel heraus und die Bänder rissen. Das war 2017. Bis vor ein paar Wochen hielt das Knie noch, Marvin stand weiter auf dem Platz. Doch heute geht nichts mehr. "Die Knie spielt nicht mehr mit. Die Schmerzen sind zu groß. Es blieb mir nichts anderes übrig, als sofort aufzuhören", sagt Marvin.

Ein Leben ohne Fußball

Wehmut? "Nein. Ich sehe das ganz rational. Es geht einfach nicht mehr. Jetzt gehe ich noch ein bisschen ins Fitness-Studio und halte mich da fit." Also ein Leben ganz ohne Fußball. Nicht mehr die gewohnten Rituale am Sonntag. Schuhe putzen, Schienbeinschoner einpacken, den Trainingsanzug und das Aufwärm-Shirt einpacken. Kein hektisches Suchen nach dem Duschgel mehr.

Ein Zustand, der zur Unzufriedenheit führen könnte. Bei vielen Fußballern auch definitiv führen würde. Nicht aber bei Marvin, der heute Business Administration studiert, mit Freunden eine GbR gegründet hat und Events veranstaltet. Er sei nach seinem Entschluss, mit dem Fußball aufzuhören, in kein tiefes Loch gefallen, habe keinen Knacks davongetragen. "Das hat vielleicht etwas mit der Erziehung zu tun. Wir sind alles positive Menschen, die immer nach vorne schauen", sagt Marvin. Außerdem ist er gar nicht ganz ohne Fußball und Rituale.

Heimspiele werden Familienausflug

Er hat ja noch seinen Bruder Lion. Jedes Heimspiel der Preußen ist ein Familienausflug. Er fährt dann morgens von seiner Wohnung aus zu seinen Eltern, frühstückt mit ihnen, fährt mit ihnen später zusammen nach Münster und schaut sich die Spiele seines Bruders an. Spielt das Team in Köln, ist Familie Schweers natürlich auch live vor Ort dabei. Eine Familie, die schon immer den Fußball gelebt hat. Vater Udo hat selbst Fußball gespielt. Beim TuS Kruckel. Natürlich war auch er Verteidiger wie seine beiden Söhne Marvin und Lion.

Es gab in der Jugendzeit häufig Samstage, an denen beide Jungs parallel spielen mussten. Für Vater Udo und Mutter Dagmar war es selbstverständlich, ihre Söhne zu den Plätzen zu fahren und dabei zu sein. Genauso, wie es heute noch selbstverständlich ist, mit Marvin zusammen zu den Begegnungen von Lion zu fahren. Marvin kompensiert mit den Besuchen sein Fußballer-Ende ein bisschen. "Das ist so. Ich haben an den Spieltagen die neuen Rituale mit meinen Eltern. Wenn Lion dann spielt, steigt bei mir auch der Adrenalinspiegel. Im Anschluss nehmen wir ihn dann häufig mit nach Hause und diskutieren über das Spiel und seine Leistung."

"Zweites Standbein extrem wichtig"

Zwei Brüder, die sich in der Jugend gut verstanden haben und es auch heute noch im Erwachsenenalter tun. Zwei, die voneinander profitiert haben und weiter profitieren werden. Nicht nur auf der sportlichen Ebene, auch auf der emotionalen. Neben der Profikarriere möchte Lion bald ein Studium beginnen. Das bedeutet Stress. Sechsmal die Woche nach Münster zum Fußball, nebenher die Klausuren und die Prüfungen. "Das zweite Standbein ist extrem wichtig. In der Dritten Liga verdiene ich bestimmt nicht für die Ewigkeit", sagt Lion.

Und sollte es doch einmal zu stressig werden, steht ihm bestimmt sein Bruder Marvin zur Seite, der seinem Bruder sportlich alles zutraut, auch den Sprung in die Bundesliga. So sind sie die Schweers, immer positiv und gönnerhaft. Gerade die eigenen Karrie aufgrund schwerer Verletzungen beendet, hofft Marvin auf eine große Karriere seines Bruders.

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