Fixed Gear

Ein Gang, keine Bremse: Mit Tempo 60 auf dem Rad

Dortmund - Ein Gang, zwei Räder, keine Bremse. Mehr braucht Jan Hoffmann nicht, wenn er sich mit bis zu 60 km/h auf die Straße stürzt. Im Interview äußert sich Hoffmann unter anderem über Radsport, Dortmund, den Trainingsalltag und sein Team Fixedpott

Er gehört zu den bekanntesten Fixedgear-Fahrern Deutschlands. Die moderne Fahrradszene hat sich aus einem anfänglichen Straßenkult entwickelt. Mittlerweile gibt es auch in Deutschland professionelle Rennen mit den sogenannten Fixi-Bikes. Doch Hoffmann und sein Team lieben nicht nur den Radsport. Sie lieben vor allem auch ihre Heimat und frisch gezapftes Bier - richtige Pottkinder eben. Wir haben mit ihm gesprochen.

Seid ihr die schnellsten Männer Deutschlands?

(lacht) Das kann man so nicht sagen. In unsere Sportart, also in der Disziplin Fixedgear, sind wir seit 2013 eines der erfolgreichsten Teams, aber nicht unbedingt das schnellste. Da spielen Sachen wie die Tagesform und Taktik eine große Rolle, deswegen kann man das nicht pauschal sagen. Aber von der Quantität und Qualität der Erfolge spielen wir oben mit.

Sie kommen aus dem klassischen Radsport. Wie kam es zum Wechsel zu Fixedgear?

Ich hatte früher eigentlich ganz gute Aussichten für mich als Radsportler. Leider musste ich mit 19 Jahren aufhören, weil meine Knie den Belastungen nicht mehr standhalten konnten. Daraufhin habe ich zehn Jahre Handball gespielt und mir irgendwann ein Fixedgear-Rennrad aufgebaut, so Urban-Lifestyle-Berlin-Hipster-Kult mäßig (lacht). Ich habe das eigentlich nur benutzt, um zum Kiosk zu fahren und fand mich damit total hip. Aus Spaß sind gleichgesinnte und ich dann irgendwann mal zu einem kleinen Sprintrennen nach Düsseldorf gefahren, wo es im Bereich Fixedgear eine eigene Klasse gab. Plötzlich kam der befreundete Fahrradblog "Goodtimesroll" auf uns zu und hat uns gefragt, ob wir auch Blogger sind und über Radsport berichten wollen. Gemäß unserer etwas prolligen Art, haben wir daraufhin lauthals verkündet, dass wir ein Rennteam sind und mit Geschichten schreiben nichts am Hut haben. Eigentlich war das nur quatsch. Irgendwo haben wir uns dann später mal in die Augen gesehen und beschlossen, dass wir es ausnahmsweise mal ernst meinen könnten. Drei Monate später sind wir in Rotterdam ein Rennen gefahren, welches unser damaliger Kapitän Stefan für sich entscheiden konnte. Seitdem ist der Name und das Team Fixedpott aus der Szene nicht mehr wegzudenken.

Sie fahren mit einem Gang und ohne Bremse über 60 km/h schnell. Muss man dafür ein bisschen verrückt sein?

Man wächst mit seinen Aufgaben und mit jeder neuen Erfahrung erweitert sich der Horizont. Im Umkehrschluss sind viele andere Sportarten für mich auch verrückt. Wenn man sich beim Eishockey komplett umwemmst, ist das vielleicht genau so wahnsinnig, wie ohne Bremse mit einem Gang zu fahren und mit 60 km/h in einen Sprint reinzugehen. Durch die Zeit auf dem Rad lernt man nicht nur treten, sondern auch den Umgang mit den Situationen und den Risiken. Ich würde es keinem empfehlen, einfach draufzusteigen und das ungeübt zu machen, aber man kann da durchaus hereinwachsen. Und natürlich musst du schon einen Hang zum waghalsigen haben, um es überhaupt ausprobieren zu wollen.

Stürzt man dabei öfter als beim klassischen Radsport?

Nein. Im Durchschnitt stürze ich circa drei Mal im Jahr, egal ob mit Bremse oder ohne. Dennoch kann es immer passieren. Das gehört dazu. Gerade als Sprinter fährst du in den letzten Runden noch mal anders, du kämpfst mit deinen Ellbogen um jede Position und hältst in jede noch so kleine Lücke rein. Manchmal geht?s glatt, manchmal eben nicht.

Richtig gegründet habt ihr euch 2013. Ihr seid international erfolgreich, aber in Dortmund noch relativ unbekannt. Wie kommt das?

Es kennen uns schon ein paar Leute hier. Der Radsportverein "Sturm Hombruch" zum Beispiel ist ein heimlicher Supporter und möchte uns seit Jahren in das traditionelle Hombrucher Radrennen integrieren - leider haben wir da bisher nie Zeit gehabt (lacht). Auch Leute aus Unna, Bochum und Düsseldorf sind aufmerksam geworden und haben mit uns Rennen veranstaltet, da wir ein guter Zuschauermagnet sind und ein internationales Fahrerfeld stellen können. Von vielen werden wir dennoch gerne belächelt und abgelehnt. Das ist okay, denn wir sind einfach nur etwas Neues. Und was neu ist, ist für viele erstmal schwierig zu verstehen. Es ist weiterhin ein Nischensport, welcher jedoch immer mehr Akzeptanz findet und welchen der eingestaubte traditionelle Radsport als frischen Wind bitter nötig hat.

Der Radsport war in Dortmund mal sehr groß. Man denke nur an das Sechs-Tage-Rennen. Warum hat sich das geändert?

Das kam sicherlich mit den Dopingfällen rund um das Team Telekom, Jan Ullrich und der Tour de France. Die negativen Schlagzeilen gingen über Jahre hinweg und der Radsport verlor bei den Sponsoren an Attraktivität und Werbepotenzial. Das gilt für große Teams, etablierte Veranstaltungen und - noch viel bitterer - für die kleinen Vereine. Gerade diese haben erst die Sponsoren verloren, dann die im Jahreskalender fest installierten Rennen und zuletzt auch den Nachwuchs. Gerade in einer Stadt wie Dortmund, wo sich alles auf Fußball konzentriert, gewöhnen sich die Leute sehr schnell daran, wenn der Radsport aus dem Stadtbild verschwindet - und akzeptieren es. Dafür ist der Fußball zu präsent und wirtschaftlich als auch kulturell zu wichtig.

Eure Bekanntheit ist unter anderem durch Facebook gekommen. Ist dieses ganze Social-Media-Ding wichtig für einen Randsport?

Hundertprozentig. Gerade was den Bekanntheitsgrad angeht. Man vernetzt sich ja in der Szene. Es gibt zum Beispiel keine offiziellen Renntermine die durch einen Dachverband bekannt gegeben werden. Man wird einfach bei Facebook eingeladen. Und natürlich gibt es auch Familie, Freunde und Fans, welche uns über die Social Media Kanäle unterstützen und begleiten, was wiederum für unsere Sponsoren wichtig ist.

Man ist auf eurer Seite auch sehr nah an euch persönlich dran. Ist euch das wichtig?

Ja, wir sind halt ein großschnäuziges, polarisierendes Team aus dem Ruhrpott (lacht). Damit spielen wir auch, aber im Grunde genommen sind wir das, was wir zeigen - ganz einfache Jungs und Mädels aus der Nachbarschaft, die das lieben, was sie da tun. Da ist halt auch schon mal jemand nackt auf einem Foto und wenn wir dann noch etwas erfolgreich sind, macht das Ganze uns irgendwie nahbar und vielleicht auch sympathisch. Der Trend tendiert derzeit zu zusammengekauften Werks-Teams. Diese werden sicherlich nicht so eine Außenwirkung haben, weil es nicht gut für das Geschäft wäre. Wir haben uns keine Teamfahrer nach dem Erfolg ausgesucht. Wir sind halt einfach Freunde und teilen eine Leidenschaft.

Ich habe auch auf eurer Facebook-Seite das ein oder andere Bild mit Bierchen gesehen. Der Spaß hat bei euch schon einen hohen Stellenwert.

Natürlich betreiben wir das alles relativ professionell. Obwohl relativ fast schon untertrieben ist. Die meisten von uns trainieren fünf Mal pro Woche. Wir sind dabei sehr zielorientiert und jeder weiß, was er leisten muss. Der Spaß darf jedoch nicht zu kurz kommen. Ein Konzept aus fehlenden Spaß im unbezahlten Hobbysport funktioniert meines Erachtens nicht.

Wie viele Kilometer müssen Sie in der Woche auf dem Rad sitzen?

Das kann man gar nicht so genau sagen, da es auf die Trainingsphasen der Saison ankommt. Mal sind es 200 Kilometer, mal 400 in der Woche. Dazu muss man sagen, dass wir Rennen mit einer Strecke von maximal 35 Kilometer fahren. Das sind im Endeffekt Sprintrennen, für die wir sehr spezifisch und auch jeder auf seine Art und Weise und eben auch mit den persönlichen Möglichkeiten trainiert.

Wo trainiert ihr?

Die Leute, die gerne Berge fahren, sind Richtung Witten, Hagen etc. unterwegs. Ich orientiere mich eher Richtung Münsterland oder Soest. Man hat in Dortmund - im Gegensatz zum restlichen Ruhrgebiet - echt gute Trainingsmöglichkeiten, da man zu allen Seiten relativ schnell aus der Stadt heraus ist und in den umliegenden Landschaften alles finden kann, was das Radfahrerherz braucht. Auch auf dem Phönix-West-Gelände gibt es gute Trainingsmöglichkeiten.

Sie haben mal in einem Interview gesagt, dass das Ziel ist, noch schneller zu werden. Habt ihr das geschafft?

Ja, allgemein haben wir das geschafft. Unsere Konkurrenz aber leider auch (lacht). Wir, jeder persönlich und als Team, haben längst nicht alles erreicht und das ist auch gut so. Wir hatten Höhen und Tiefen, aber auch viele Erfolge. Wir haben 2015 die Deutsche Rennserie gewonnen und sind Dritter in der Gesamtwertung der holländischen Rennserie geworden. Wir hatten insgesamt 49 Top-Ten-Platzierungen bei 29 Rennen. Das ist schon gut. 2016 und 2017 konnten wir nahezu an diese Erfolge anknüpfen. Unsere Top-Fahrerin Tanja Erath hielt in diesem Jahr unsere Flagge mit acht Siegen am höchsten. Mit Platz drei in Barcelona sicherte sie sich Platz fünf in der weltweit wichtigsten Rennserie "Red Hook Crit" und ist somit die erfolgreichste deutsche Fahrerin im Fixedgear.

In welchen Ländern ward ihr bis jetzt unterwegs?

Belgien, Niederlande, England, Frankreich, Spanien, Italien, Thailand, USA. Das reicht auch. Wir sind fast alles Studenten oder Arbeiten in Vollzeit, irgendwann werden Urlaub, Freizeit und auch das Geld leider knapp. Wenn man mit vier Leuten mal eben das Auto voll macht und für ein 45-minütiges Rennen nach London fährt, ist das schon in allen Faktoren kostspielig. Weswegen natürlich Sponsoren immer willkommen sind.

Eines der erfolgreichsten deutschen Teams seid ihr schon. Seid ihr irgendwann auch das erfolgreichste Europas?

Am Glas vielleicht (lacht). Ansonsten sind uns andere Teams mit zugekauften Profis und Ex-Profis einen kleinen Schritt voraus, weswegen wir uns jedoch nicht verstecken werden. Schön ist es, dass unser Nischensport immer mehr Aufmerksamkeit in Deutschland findet, sich Rennen etablieren und die Begeisterung wächst, zusammen mit den Zuschauerzahlen und dem Medien- und somit auch dem Sponsoreninteresse. Das ist erstmal wichtig, damit wir ein stabiles Fundament an Veranstaltungen haben.

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