Fußball

William Ghannam: Dieser Dortmunder Bezirksligatorwart ist Nationalspieler seines Heimatlandes

Am vergangenen Wochenende rettete William Ghannam dem Bezirksligisten FC Roj mit einer Parade einen Punkt. Was kaum jemand weiß: Der 21-Jährige ist Nationalspieler seines Heimatlandes.

Kuwait, Jaber al-Ahmad International Stadium, 22. März 2019. Die syrische U23-Nationalmannschaft trifft in der Qualifikation für die Asienmeisterschaft auf Kirgisistan. Im Tor der Syrer steht ein 21-Jähriger, der in seinem Spielerpass einen Dortmunder Bezirksligisten stehen hat: William Ghannam vom FC Roj.

Etwas mehr als vier Jahre zuvor flieht das damalige Mitglied der U17-Nationalmannschaft von Syrien, das gerade in Chile an der Weltmeisterschaft teilgenommen hat, vor dem Krieg in seinem Heimatland: "Als wir von der WM zurückkamen, gab es da nichts mehr. Ich konnte nicht mehr Fußball spielen", sagt Ghannam, der in Damaskus in der Jugend des Profi-Klubs al-Madschd spielte. Doch der Krieg bringt neben dem öffentlichen Leben auch den Fußball zum Erliegen.

"Also habe ich das alles selbst organisiert"

"Ich wollte Fußballer werden", sagt Ghannam. Wie viele seiner Landsleute muss er damals abwägen: Ist es das Risiko wert, das Land zu verlassen? "Meine Eltern haben gesagt, dass ich selbst wissen muss, was gut für mich ist. Sie haben mich davor gewarnt, dass es lebensgefährlich sein kann, dass ich es aber machen soll, wenn ich es will. Also habe ich das alles selbst organisiert."

Am 15. Dezember 2015 kommt der Jugendnationalspieler, der in seiner Heimat als Riesentalent gilt, in Deutschland an: "Mein Traum war natürlich der Profi-Fußball", sagt Ghannam. Doch die Realität ist erstmal eine andere: "Ich wusste ja überhaupt nicht, wie das hier läuft mit den Ligen und den Vereinen", sagt Ghannam. Also macht er sich auf die Suche, schreibt viele Klubs bei Facebook an, fragt nach Probetrainings.

Nur Hombruch reagiert

Die meisten antworten gar nicht, andere sagen ihm ab, nur der Hombrucher SV reagiert und lädt ihn zu einem Probetraining ein. "Er hat damals in der Seniorenmannschaft wohl einen Super-Eindruck hinterlassen", sagt der damalige HSV-U18-Trainer Tobias Vößing, "aber man sah in ihm eher einen Perspektivspieler." Deshalb wird Ghannam erst einmal wieder in die A-Jugend geschickt - und da die U19 bereits gut besetzt, aber in Vößings U18 wegen einer Verletzung ein Platz frei ist, landet er dort: "Ihm fehlt ein bisschen die Körpergröße", sagt Vößing, bei dem Ghannam hinter Alexander Kidess die Nummer zwei ist, "charakterlich war er aber ein Klassejunge."

Seine Größe ist tatsächlich ein Faktor, das bestätigt auch sein aktueller Trainer beim FC Roj, Manuel Lorenz: "Das ist vielleicht seine einzige Schwäche." Die Angaben variieren zwischen 1,76 Meter und 1,88 Meter. Vermutlich ist es irgendwas dazwischen. "Dafür hat er überragende Reflexe und ein tolles Stellungsspiel", sagt Lorenz.

Bei Hombruch geht es nicht weiter, Roj tritt auf den Plan

Bei welchem Verein Ghannam damals spielt, ist ihm fast egal: "Ich wollte nur trainieren und spielen." Als er nach dem Jahr in Hombruch ohne Verein dasteht -die Westfalenliga-Senioren haben keine Verwendung für ihn - kommt der Kontakt mit dem FC Roj zustande. Der Kontakt zum syrischen Fußball bricht in dieser Zeit ab, Ghannam lernt deutsch, fängt bei einem Teamkollegen an zu arbeiten: "Aber als ich zu Roj gekommen bin, habe ich sofort gesehen, was er für ein Talent ist", sagt Lorenz.

Er fördert den jungen Flüchtling, zusammen mit Torwarttrainer Mario Klein nehmen sie im Januar ein Video auf und senden es unter Mithilfe von Lorenz? alten Kumpels Ingo Anderbrügge und Uli Stein an den syrischen Verband. Und tatsächlich erinnert man sich an das Talent, das in einem Bericht aus der Heimat als "Hüter der syrischen Träume" bezeichnet wird. Ghannam wird wieder eingeladen.

Ghannam qualifiziert sich für die Asienmeisterschaft

Das Problem: Als Flüchtling hat er keinen Reisepass. Doch nach einem Besuch in der syrischen Botschaft, ist auch dieses Problem aus der Welt. Ein Trainingslager im Iran später ist klar: Bezirksliga-Keeper William Ghannam fährt tatsächlich als Nummer eins der syrischen U23 zur Qualifikation für die Asienmeisterschaft - und wird nach zwei Zu-Null-Siegen und einem Remis 2020 in Thailand an der U23-Asienmeisterschaft teilnehmen.

Erst einmal steht jetzt aber wieder der Bezirksliga-Alltag an: "Das ist natürlich ein großer Unterschied", sagt Ghannam, "weil wir hier nur zwei, dreimal die Woche trainieren. Ich muss aber jeden Tag etwas tun", sagt Ghannam. Also geht er abends regelmäßig laufen oder ins Fitnessstudio: "Das es mit dem Fußball hier nicht so richtig klappt, tut ein bisschen weh", sagt Ghannam, "aber ich bereue nichts."

Keine Steine in den Weg

Sein Traum bleibt es aber, in Deutschland höher zu spielen. "Roj hat mir sehr geholfen, ich bin dem Klub sehr dankbar", sagt Ghannam, "aber wenn ich weiter oben die Chance bekomme, werde ich sie nutzen." Beim FC Roj wären sie zwar traurig, würden ihrem Keeper aber keine Steine in den Weg legen. Lorenz sagt: "Ich bin davon überzeugt, dass er höher spielen könnte."

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