Paralympics-Sieger Hans-Peter Durst

Ein schwerer Unfall vor 25 Jahren und das Gute im Schlechten

Am 9. Mai vor 25 Jahren erlitt der zweifache Paralympcs-Sieger Hans-Peter Durst (61) unverschuldet einen schweren Autounfall. Auch für seine Familie änderte sich an diesem Tag alles.

Es ist dieser Moment, vor dem jeder Angst hat: zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Ulrike Durst weiß noch genau, wie es war, als heute vor 25 Jahren der unheilvolle Anruf kam, der ihr Familienleben komplett verändern sollte.

Familie Durst - Vater Hans-Peter, Ehefrau Ulrike und die Kinder Katharina (damals 8) und Sebastian (6) führten 1994 ein beschauliches Leben in Unna. Drei Jahre zuvor hatte Betriebswirt Durst die Leitung einer Privatbrauerei in Chemnitz übernommen und pendelte fortan öfter zwischen Wohnort und Arbeitsstätte. Auch an jenem 9. Mai 1994 bog Durst früh am Morgen im Auto auf die A44 Richtung Osten - und wurde kurz darauf unverschuldet in einen schweren Unfall verwickelt.

Ulrike Durst erinnert sich:

"Gegen 5.30 Uhr erhielt ich einen Anruf der Polizei, die mir mitteilte, dass mein Mann nach einem Verkehrsunfall in der Unfallklinik Kassel sei, über die Verletzungen erhielt ich keine Auskunft. Ich versorgte die Kinder, informierte den Arbeitgeber und bat meine Eltern, sich weiterhin um die Kinder zu kümmern. Ich mietete ein Auto und fuhr in die Klinik nach Kassel".

Schweres Schädelhirn-Trauma

Ihr Mann, damals 35 Jahre jung, kommunikativ, offen, sportbegeistert, lag mit schweren Schädel-Hirn-Verletzungen bewegungslos im Koma. Die Ärzte informierten die bangende Ehefrau über die akuten Verletzungen und mögliche Alternativen. Sechs Wochen lang sollte dieser Zustand andauern, insgesamt beinahe zwei Jahre Klinikaufenthalt sollten bis zur Entlassung nach Hause folgen. Das beschauliche Familienleben, alle Zukunftspläne, den Wohnsitz nach Chemnitz zu verlegen, die Kinder dort einzuschulen - von jetzt auf gleich vorbei.

"Erst auf der Rückfahrt hatte ich etwas Zeit nachzudenken. Nach dem Anruf der Polizei hatte ich nur funktioniert und noch nicht über zukünftige Dinge nachgedacht - was so ein Schädelhirntrauma bedeutet konnte ich nicht im Ansatz abschätzen - mit ihm sich besprechen ging ja nicht."

Auf ärztliches Anraten wurde Hans-Peter Durst in die Neurologische Klinik in Hessisch Oldendorf verlegt, es folgten Untersuchungen, Therapien, die langsame Rückkehr ins Leben. Extremer Schwindel und epileptische fokale Anfälle begleiteten ihn ständig, er konnte nichts essen, war schlecht orientiert und brauchte ruhige dunkle Räume. Für Ulrike Durst begann neben den Besuchen an jedem Wochenende ein Marathon ungeahnter Art.

Viele offene Fragen

"In der Zwischenzeit war ich in ständigem Kontakt mit dem Anwalt, der mit der Brauerei klären musste, ob es ein BG-Wegeunfall war, mit der BG, welche Rechnungen von wem übernommen wurden, ob, wie und wann eine Wiedereingliederung möglich wäre, mit dem Aufsichtsrat der Brauerei, ob mein Mann mit den sich abzeichnenden Einschränkungen überhaupt weiter beschäftigt werden könnte."

Als der Klinikdirektor seinem ungeduldigen Patienten ein Dreirad "verordnete", öffnete sich eine Tür zurück ins Leben. Das Dreiradfahren wurde von Radtouren mit Freunden und einer erfolgreich absolvierten Ardey-Rundfahrt zum Sport, dann zum Leistungssport - und schlussendlich zum neuen Lebensinhalt. Heute ist Hans-Peter Durst mit seinem 18.000 Euro teuren Spezial-Rennrad zweifacher Goldmedaillen-Gewinner der Paralympics in Rio de Janeiro 2016, Silbergewinner in London 2012, achtfacher Weltmeister, 20-facher Deutscher Meister, mehrfacher Weltcup-Gesamtsieger.

Ein neuer 2. Geburtstag

Den 9. Mai, den Hans-Peter Durst auch als seinen zweiten Geburtstag bezeichnet, verbringt der ehrgeizige Paracycler mit seiner Frau in Italien, bereitet sich auf den ersten Weltcup des Jahres am Wochenende vor und gönnt sich "zur Feier des Tages einen guten Expresso". Der 61-Jährige, der im Alltag auf einen Stock und tägliche Medikamenten-Einnahme gegen Epilepsie angewiesen ist, hat sein Schicksal angenommen, ja spricht sogar vom Glück ungeahnter Begegnungen, die es ohne seine Behinderung nie gegeben hätte. Seine Frau, die er damals in Dortmund in einer Kirchengemeinde kennengelernt hat, sieht es ähnlich:

"Ich habe eigentlich nie darüber nachgedacht, was wäre, wenn? Vielmehr habe ich mich immer über die kleinsten Weiterentwicklungen gefreut - das ist bis heute so. Der Parasport hat nicht nur meinem Mann eine neue Teilhabe geschenkt, wieder Teil der Gesellschaft zu sein, sondern auch mir ganz neue Erfahrungen geschenkt. Ich habe verstanden, dass Menschen mit Einschränkungen Teil der Gesellschaft sein und auch so behandelt werden möchten und nicht bemitleidet werden wollen. Sie schenken mir Stärke, Kraft, Mut und viel Freude."

In der Welt unterwegs

Sicherlich wäre es in ihrem ersten Leben auch nie langweilig geworden, da ist die Dortmunderin, von ihrem Mann liebevoll als "Heldin" tituliert, sicher. Nun seien sie halt überall in der Welt unterwegs mit so vielen Begegnungen auch über den Sport hinaus. "Immer wieder staune ich, wenn ich morgens Nachrichten aus den USA, Brasilien, Australien, den Vereinigten Arabischen Emiraten erhalten habe. Es macht die Welt etwas kleiner".

"Wir haben die besondere Herausforderung, die das Leben an uns gestellt hat, angenommen. Allerdings haben wir es nicht alleine geschafft!! Viele liebe Menschen unterstützen und motivieren uns, schenken uns Vertrauen und Verständnis. Der liebe Gott beschützt uns auf unseren Wegen, wir freuen uns mit unseren Kindern über jeden Tag, an dem wir gesund aufwachen dürfen."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Meistgelesen

Lobeshymnen aus England für Schalke-Neuzugang - selbst BVB-Boss Watzke optimistisch
Lobeshymnen aus England für Schalke-Neuzugang - selbst BVB-Boss Watzke optimistisch
Oer-Erkenschwicker (29) liegt auf einer Wiese - was er dort macht, schockiert Zeugen und Polizei
Oer-Erkenschwicker (29) liegt auf einer Wiese - was er dort macht, schockiert Zeugen und Polizei
NRW bittet Steuerzahler zur Kasse - das müssen wir im Kreis Recklinghausen bezahlen
NRW bittet Steuerzahler zur Kasse - das müssen wir im Kreis Recklinghausen bezahlen
Bottroper Ehepaar tot in Wohnung gefunden - es gibt neue Erkenntnisse
Bottroper Ehepaar tot in Wohnung gefunden - es gibt neue Erkenntnisse
Bahnübergang in Herten ohne Ankündigung gesperrt - diesmal nicht nur für drei Tage
Bahnübergang in Herten ohne Ankündigung gesperrt - diesmal nicht nur für drei Tage

Kommentare