Radsport mit Behinderung

Hans-Peter Durst vor Tokio 2020: "Ich werde mich nicht selbst belügen"

Nach einer gesundheitlichen Zwangspause arbeitet Hans-Peter Durst (60), Radsportler mit Behinderung, an seinem dritten Paralympics-Traum, doch die Hürden für Tokio 2020 sind hoch.

Hans-Peter Durst kommt gut vorbereitet und bestens gelaunt zum Interview ins Lensing-Carrée, unter dem Arm eine Din-5-Mappe mit dem Aufdruck "Auf dem Weg nach Tokio 2020". Der 60-Jährige strebt seine dritte Paralympics-Teilnahme an - hatte zuletzt aber gesundheitliche Probleme.

Sie strahlen so, wie geht es Ihnen?

Jetzt wieder gut, danke der Nachfrage. Ich komme grade vom HNO-Arzt und habe wieder Grünes Licht fürs Training bekommen. Ich muss jetzt immerhin nach meiner Zwangspause gut sechs Wochen aufholen.

Was war los?

Ich habe im Dezember zunehmend schlecht Luft bekommen, meine Ausbelastung lag nur noch bei 65 Prozent. Bei der ärztlichen Untersuchung wurde eine Zyste in der Nähe des Auges festgestellt. Die Therapievorschläge der Ärzte gingen von sechs Monate Kortisonbehandlung - da hätte ich dann die komplette Saison abhaken können - bis sofort operieren. Dazu habe ich mich dann entschieden, es ist alles gut verlaufen, der Sporttauglichkeitstest an der Sporthochschule Köln ist positiv ausgefallen. Jetzt kann´s endlich richtig losgehen.

Ich sehe da einen ganzjährigen Terminkalender mit vielen Einträgen ...

(lacht) Ja, das Jahr ist durchgetaktet. Schon am Wochenende geht´s los mit einer fünfwöchigen Fahrt nach Italien mit vier Rennwochenenden. Erster Höhepunkt ist der Weltcup-Auftakt in Carredonia (11./12.5.), der erste offizielle Qualifikations-Wettkampf für die Paralympics in Tokio 2020. Ab jetzt gilt es Quali-Punkte zu sammeln, wobei ich erst einmal sehen muss, wo ich nach meiner Pause leistungsmäßig stehe und wie groß der Rückstand ist. Ich werde mich da nicht selbst belügen und weiß, dass ich für die Qualifikation immer Maximalleistung bringen muss. Die endgültige Nominierung durch den Behindertensportverband ist dann im April 2020. Ich gehe die Sache an, es wird gut werden!

Was macht Sie da so optimistisch?

Ich habe ein tolles Team um mich herum. Seit Jahresbeginn bin ich in der paralympischen Spitzensportförderung der Bundeswehr wie 13 weitere deutsche Athleten auch. Das bringt ein Stück Sicherheit und für mich durch die finanzielle Förderung auch den Freiraum, mit meiner Frau den Weg nach Tokio gemeinsam gehen zu können, sie lässt ihre Arbeit dieses Jahr ruhen. Und ohne sie geht´s nicht. Dazu kommt ein tolles Team um Trainer Robert Pawlowsky und Motivationstrainerin Grit Moschke sowie neuerdings auch eine Ernährungsberaterin. Neues Material für mein Rennrad ist auch unterwegs. Ich weiß nicht, ob mich das schneller macht (lacht), aber es ist ein extra Motivationspünktchen.

Auch 2018, ich muss es ansprechen, sind Sie topvorbereitet zur Weltmeisterschaft nach Italien gefahren - und konnten dann nicht antreten und ihre Titel verteidigen ...

Ja, ich hatte kurz vor dem ersten Rennen einen epileptischen Anfall und habe von unserem Mannschaftsarzt ein mehrtägiges Sportverbot erhalten. Diese fokalen Anfälle kommen und gehen, wie sie wollen, diesmal allerdings zum absolut falschen Zeitpunkt. Dieser "Anfalls-Kokon" ist ja auch ein Schutz des Körpers, deshalb war ich auch nicht traurig oder enttäuscht, sondern fand es am Ende sogar mal ganz spannend, unsere Paracycling-Rennen als Zuschauer zu verfolgen. Ich bin mit vielen Menschen ins Gespräch gekommen, das hat mich sehr inspiriert.

Stimmt es, dass Sie inzwischen weltweit Paracyclern Anschubhilfen geben?

Das ist in der Tat richtig, ich habe unter anderem Anfragen aus Australien, Südafrika, Italien, der Schweiz, Dubai, und ich helfe gern mit Rat und Tat, um die Faszination Dreiradsport weiterzutragen, auch wenn ich mir dadurch eigene Konkurrenz heranziehe (lacht). Es inspiriert mich, dass auch andere durch meine Erfolge motiviert werden. Außerdem denke ich parallel, denn wenn es mit der Qualifikation für Tokio 2020 nicht klappt, will ich nicht in ein Loch fallen. Und da wären dann noch meine Dortmunder Babys ...

Ihre was?

Ja, als gläubiger Mensch freue ich mich, beim Evangelischen Kirchentag vom 19. bis 23. Juni in Dortmund auf der Sportarena-Bühne mitwirken zu dürfen, zum Beispiel in der Podiumsdiskussion "Glaube und Sport" mit der früheren Biathletin Magdalena Neuner. Das bringt mich nach der ersten Wettkampfphase wieder runter. Und das zweite Baby ist der inklusive Westfalenparklauf, den wir nach der erfolgreichen Premiere 2018 richtig in die Spur bringen wollen. Wir, also der Lauftreff Bittermark und der Sportkinder e.V., wollen daraus keinen Behindertenlauf machen, sondern ein inklusives Laufangebot für Menschen mit und ohne Behinderung. Das ist für mich gelebte Gleichwertigkeit.

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