Rückzug mit 48 Jahren

Gerwien: Man sollte authentisch und ehrlich bleiben

Dortmund - Mit 48 Jahren zieht sich Markus Gerwien aus dem Trainergeschäft zurück.Im Gespräch mit Udo Stark redet er über die Gründe für seinen überraschenden Entschluss und blickt auf eine bewegte Laufbahn zurück..

Sie hätten noch viele Jahre als Trainer arbeiten können. Macht Ihnen der Job keinen Spaß mehr?Doch, natürlich. Es gab immer Phasen, wo es noch Spaß gemacht hat. Die Jungs haben mich ein Stück weit jung gehalten. Es gab aber auch viele Momente, vor allem nach Niederlagen, die einen Nachlauf hatten. Oft hatte ich Kopfschmerzen und immer häufiger unruhig geschlafen.

Aber das waren doch nicht die einzigen Gründe ?Was den Verein betrifft, war Erfolg plötzlich selbstverständlich. Er ist es aber nicht. Die Balance im Umgang mit Erfolg und Misserfolg hatte nicht mehr gepasst. Hinzu kommt meine persönliche Situation. Meine Frau hat mir drei Jahrzehnte als Spieler und Trainer den Rücken für den Fußball frei gehalten. Ich war nicht immer für meine drei jetzt fast erwachsenen Kinder da und bin jetzt in der Pflicht, diese wertvolle Zeit zurück zu geben.

Wie sind Sie in Hombruch auseinander gegangen?Wichtig ist immer, dass man sich später noch in die Augen schauen kann. Das kann ich für mich mit Ja beantworten. Ich hätte ohnehin noch maximal ein Jahr drangehängt, dann wäre Schluss gewesen. Ich bin beim HSV noch mit einigen in Kontakt, das wird auch so bleiben. Ich wünsche dem Verein, für den ich ja auch schon die letzten vier Jahre als Seniorenspieler gekickt hatte, alles Gute. Die Jungs haben großes Potenzial und mit Sebastian Didion einen jungen, ehrgeizigen Trainer. Ich habe zudem dafür gesorgt, dass Torwart- und Athletiktrainer zumindest bis zum Sommer bleiben. Das war mir wichtig.

Wenn Sie auf Ihre Zeit als Spieler zurückblicken: Was ist besonders haften geblieben?Das schönste Erlebnis von allen: 1994 der Polizei-Europameistertitel in Wien, das 4:0 im Finale gegen Griechenland. Danach die beiden Deutschen Amateurmeisterschaften mit der Westfalenauswahl. Verbunden waren diese Erfolge mit Turnieren in Nepal und Bangkok. Es war traumhaft, vor 50.000 Zuschauern spielen zu dürfen.

Hatten Sie als Trainer so etwas wie einen Lieblingsjob?Da denke ich an meine Zeit bei Mengede 08/20 mit dem Durchmarsch von der Kreisliga in die Landesliga und den drei Hallentiteln von 2004 bis 2006. Das war damals die stärkste Mannschaft, die ich je trainieren durfte. Die Mengeder hatten mir zum Einstieg sehr viel Vertrauen entgegen gebracht und mir meinen Weg geebnet. Dafür kann ich mich nur bedanken. Übrigens: Stolz bin ich, weder als Spieler noch als Trainer jemals abgestiegen zu sein.

Über welche eigenen Fehler haben Sie sich geärgert?Als ich die Trainerscheine gemacht hatte, war der Instinkt- und Motivationstrainer Gerwien plötzlich nur noch der schematisch denkende Taktik-Trainer. Zeitweise hatte ich etwas den roten Faden verloren, war mir in meiner Entscheidungsfindung manchmal nach Niederlagen nicht mehr sicher. Diese Unsicherheit war im Team spürbar und hat sich dann übertragen. Auch gab es Situationen, in denen ich für einen Moment die Fassung verloren und Dinge gesagt habe, die mir wenig später leid taten. Zum Glück hatten mir das die Betroffenen, es waren nur wenige, nicht übel genommen.

Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?Im Umgang mit der Mannschaft sollte ein Trainer immer authentisch und ehrlich bleiben. Dazu muss er heute auch eine Mischung aus Ersatzvaterfigur, Freund und Pädagoge sein. Wichtig ist, dass man gerade im Erfolg an alle denkt, vor allem an jene, deren Arbeit man nicht direkt spürt oder sieht. Im Misserfolg ist für mich Größe, wenn man als Trainer zuallererst sich selbst hinterfragt.

Wie hat sich der Amateurfußball verändert?Er ist intensiver und enger geworden. Jeder Amateurverein trainiert heute häufiger als früher, entsprechend höher ist die Belastung für die Spieler. Überhaupt ist der Aufwand insgesamt viel größer geworden. Ohne einen guten Athletik-, Torwart- und Co-Trainer kommt man nicht mehr aus. Was mich etwas traurig macht ist der Umstand, dass Kreativität und Spielfreude heute häufig zu Lasten der Taktik und Systeme untergehen. Spieler werden oft zu stark in ein Schema gepresst, die Individualität geht dadurch verloren.

Bewerten Sie die Entwicklung positiv oder negativ?Ich selbst habe, wie fast alle Jungs damals, überall dort gebolzt, wo genug Platz war, ob auf einem Garagenhof oder einer Wiese. Du hast alle Positionen gespielt, musstest dich immer auch gegen Ältere durchsetzen. Mir hat das in meiner Entwicklung sehr geholfen. Dieser Instinkt durch immer wiederkehrende Abläufe fehlt heute leider fast allen jungen Kickern. Positiv ist natürlich, dass sich der deutsche Fußball gerade im Jugendbereich durch frühzeitige Sichtung, Stützpunkte und Trainer-Fortbildungen extrem entwickelt hat und professionell geworden ist.

Welchen Rat geben Sie zu Ihrem Karriere-Ende Spielern, die gerade am Anfang ihrer Laufbahn stehen?Kontinuität ist das wichtigste Attribut. Der Spieler sollte bei keinem Training fehlen. In jungen Jahren lässt sich noch alles erlernen, was man im Fußball braucht. Dazu sollte sich jeder Demut und ein Stück Lockerheit bewahren. Fußball ist toll, aber nicht das Wichtigste im Leben.

Werden wir Sie künftig vielleicht in einer ganz anderen Funktion wiedersehen?Erstmals brauche ich Ruhe und Abstand. Allerdings hatte ich immer ein gutes und glückliches Händchen für talentierte und charakterlich einwandfreie Jungs. Auch die Analyse von Spielen und Spielern macht mir sehr viel Freude. Vielleicht gibt es hierfür ja mal eine Verwendung ?

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