Wintersport: Bob

Christopher Weber: In 16 Monaten zu Olympischen Spielen

Dortmund - Seine Oberschenkel lassen jede enge Jeans platzen, die Oberarme haben den Umfang von denen eines erfolgreichen Armdrückers - und die Wucht, die in seinem Körper steckt, hat Christopher Weber am Freitag erneut eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die Belohnung: Ein Ticket für die olympischen Winterspiele in Pyeongchang (Südkorea/9. bis 25. Februar). Er ist der einzige Dortmunder, der in Südkorea an den Start geht.

Er ist definitiv als Anschieber im Viererbob des Weltmeisters Johannes Lochner dabei. Vielleicht sogar im Zweier mit Lochner - das entscheidet sich erst nach den nächsten beiden Weltcup-Starts. Eine Medaille in Südkorea ist also zum Greifen nahe.

Freitag fand der finale Test für alle deutschen Anschieber in Oberhof statt. Zwei Durchgänge. Erst auf der Bremse, dann an der Seitenposition. Der Modellathlet hatte in beiden Durchgängen die schnellsten Zeiten. Der Daumen des Bundestrainers Rene Spieß ging nach oben. Über 20 Anschieber hatten sich für die neun freien Plätze in den drei deutschen Olympia-Bobs beworben. "Ab 6 Uhr konnte ich Freitagmorgen nicht mehr schlafen. Mehr als ein Brötchen mit Honig und eine Stulle mit Nutella habe nicht runterbekommen. Jetzt bin ich aber nur noch glücklich, dass alles geklappt hat", sagt Weber, der auch für die Wahl zu Dortmunds Sportler des Jahres nominiert ist.

Dortmunds schnellster Sprinter

Der 26-Jährige ist ein Quereinsteiger. Im Oktober 2016 saß er zum ersten Mal in einem Bob. Sein Freund Pablo Nolte hatte ihn mit nach Winterberg genommen. Die Explosivität eines Anschiebers hatte er schon damals in seinen Beinen. Das Kraftpaket ist Leichtathlet. Er ist aktuell Dortmunds schnellster Sprinter. 10,76 Sekunden stehen hinter seiner Bestmarke über die 100 Meter. "Meine Stärke war immer der Start. Nach hinten raus wurde es dann etwas langsamer", sagt Weber. Die besten Voraussetzungen für einen Anschieber.

Die ersten Fahrten 2016 hatten ihn noch kräftig durchgerüttelt. Diese Fliehkräfte rissen an seinem Körper. Auch die hohe Geschwindigkeit von bis zu 140 km/h hatte ihm zu schaffen gemacht. "Mir war am Anfang wirklich richtig schlecht, als ich unten ankam", erinnert er sich. Aber er hatte trotzdem gleich ein gutes Gefühl. "Ich habe plötzlich gemerkt, dass der Bobsport genau das ist, was ich machen will. Eigentlich habe ich mich in der Leichtathletik als Sprinter ungewollt mein Leben lang auf diesen Job vorbereitet."

Plötzlich in der Crew des Weltmeisters

Bundestrainer Rene Spieß sah eine Menge Potenzial und lud ihn zu Test ein. Und plötzlich gehörte er zur Crew des Weltmeisters Johannes Lochner, der selbst noch nie bei den Olympischen Spielen war. "Johannes hat als Pilot ein unglaubliches Fahrgefühl im Kanal. Und er ist eine Maschine, könnte mit seiner Power auch locker als Anschieber dabei sein", sagt Weber.

Neben den Lehrgängen mit dem Bundeskader und mit dem Lochner-Team, trainiert der Dortmunder mit Privatcoach Marcus Hoselmann in der Helmut-Körnig-Halle. Sie arbeiten an Explosivität und Schnelligkeit. Ein Bruchteil der Kosten für den Coach übernimmt der Bob- und Schlittenverband Deutschland (BSD), zudem gibt es Sponsoren, die Weber unterstützen. "Großes Geld verdiene ich aber nicht mit Christopher. Es ist alles gerade kostendeckend. Aber ich nutze die Chance, einen Athleten auf die Olympischen Spiele vorzubereiten", sagt Hoselmann. Er betreibt mit seiner Ehefrau Jana Hartmann die Sportschule upletics.

Muskelmasse zugelegt

102 Kilogramm wog Weber über Jahre bei einer Größe von 1,87 Meter. Im Sommer 2017 hat er noch einmal an Muskelmasse zugelegt, um sich den Traum von Olympia zu erfüllen. Er benötigte noch mehr Power. Aktuell wiegt der fettfreie Körper 108 Kilogramm. All die Strapazen im Sommertrainingslager auf Lanzarote, die zusätzlichen Einheiten in Dortmund und die Bobtage in Winterberg haben sich für Weber gelohnt. Auch, dass der gelernte Automobilkaufmann sich in diesem Jahr aus der Firma seines Vaters etwas zurückgezogen hat, um sich ganz auf den Sport zu konzentrieren.

Und es hat sich früh angekündigt, dass es sich für Weber lohnen könnte. Vier Mal saß er in diesem Winter im Viererbob von Johannes Lochner. Zweimal standen sie auf dem Siegertreppchen. In Park City (USA) gab es im November gleich zwei Weltcup-Auftritte. Beim ersten verpasste Weber mit Platz vier noch einen Podestplatz. Einen Tag später standen sie aber ganz oben. In Whistler (Kanada) lief es mit Platz fünf dann nicht ganz so gut. Beim Heim-Weltcup in Winterberg waren Johannes Lochner, Christopher Weber, Joshua Bluhm und Christian Rasp aber nicht zu schlagen.

Richtiges Ausrufezeichen

"Der Sieg in Winterberg war ein richtiges Ausrufezeichen", weiß Weber. Mit 5,06 Sekunden hatte die Lochner-Crew hinter den Kanadiern die zweitschnellste Anschubzeit. "Viel wichtiger ist aber, dass wir mit der höchsten Geschwindigkeit in die erste Kurve gefahren sind. Die Kanadier waren bei der ersten Zeitmessung nur einen deshalb einen Ticken schneller, weil sie weiter gelaufen sind. Das bringt dir aber nicht viel, wenn du in der ersten Kurve dann langsamer bist.

Beim Erfolg am 17. Dezember in Innsbruck saß Weber nicht im Bob. "Ich war vorher bei jedem Weltcup-Start dabei. Es war deshalb abgesprochen, dass ich einmal pausieren werde, damit ein anderer Kandidat eine Chance bekommt", sagt der 26-Jährige. Insgesamt sieben Anschieber hatten sich auf die drei Plätze im Lochner-Bob beworben.

Zu breit für ganz hinten

Am Ende sind es neben Christopher Weber auch Joshua Bluhmund Christian Rasp, die in Südkorea mit Lochner um Gold kämpfen. Bluhm sitzt hinter Lochner, dann kommt Weber und zuletzt Rasp. "Das hat was mit der Größe zu tun. Der Kleinste sitzt hinten. So ist der Bob aerodynamisch. Und ganz hinten würde ich gar nicht reinpassen. Dafür bin ich zu breit", sagt Weber.

Mit der Nominierung für Olympia sei für ihn schon ein Traum in Erfüllung gegangen. "Wenn jetzt noch eine Medaille herausspringt, wäre das überragend", sagt Weber, "und es ist wirklich realistisch, dass das klappt." Der Bob unter Lochner ist sogar der Favorit auf Gold. Drei der fünf Weltcups wurden gewonnen. Mit 1051 Punkten führt das Team den Gesamtweltcup vor dem Bob des weiteren deutschen Piloten Nico Walther an (971 Punkte).

Wintermärchen eines Sportlers

Im Oktober 2016 saß Christopher Weber zum ersten Mal in einem Bob. Im Februar 2018 hat er vielleicht schon eine Olympia-Medaille um den Hals hängen. Ein Wintermärchen eines Sportlers, der nie wusste, dass er mal Bobfahrer werden würde, aber immer dafür trainiert hat.

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