Fußball - Sportgerichtsbarkeit

Am Platz Scharfrichter, im Netz Weichei

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KREIS RECKLINGHAUSEN - Bruno Ruch, Vorsitzender des Kreissportgerichts, schmunzelt. „Bei uns am Platz heißt es: Guckt mal, da kommt der Scharfrichter.“ Im Netz müssen sich Ruch und Co. dafür mitunter übel beschimpfen lassen.

Jedes Urteil, das das Gremium fällt und das öffentlich wird, wird kommentiert. Zustimmung gibt es dabei fast nie. Häme, Spott, Entsetzen sind zu lesen. Wie im Fall des Spielabbruchs bei der Hertener Stadtmeisterschaft.

Der Fall wurde in der vergangenen Woche verhandelt. Ein Spieler wurde wegen eines Kopfstoßes für ein halbes Jahr gesperrt (gegen das Urteil hat der Verein DTSG Herten Berufung eingelegt), andere kamen mit einer kurzen Sperre und einer Geldstrafe davon.

Auf dem Spielfeld war es zu Tumulten zwischen Spielern von DTSG und SuS Bertlich gekommen, in deren Zuge die Begegnung abgebrochen wurde. „Was der Fußballkreis hier mal wieder an Feigheit zeigt, ist ein Schlag ins Gesicht ALLER!!!“, heißt es etwa in einer Reaktion auf das Strafmaß im Netz. Und: „Wie albern sind solche Verhandlungen und Urteile?“

Der Rahmen ist durch die „RuVo“ vorgegeben

„Das Sportgericht bewegt sich im Rahmen der Paragrafen“, sagt Bruno Ruch. Mehr könne es nicht tun. Der Funktionär, in Westfalen dem Vernehmen nach nicht unbedingt als „Richter gnädig“ bekannt, registriert Kommentare wie die obigen, „aber eigentlich geht das auf der einen Seite rein und auf der anderen gleich wieder raus“.

Der Rahmen, in dem sich das Sportgericht bewegt, ist klar vorgegeben in der Rechts- und Verfahrensordnung (RuVo) des Westdeutschen Fußballverbandes. „Es gibt natürlich Spielräume“, sagt Bruno Ruch. Um die auszuloten, ist eine oft zähe Verhandlung vonnöten.

Das Problem: Mitglieder des Sportgerichts sind fast nie Zeugen, wenn es auf den Plätzen zu Tumulten kommt. Sie müssen also erst Beteiligte, Beschuldigte und Zeugen laden und aus vielen Aussagen die Wahrheit filtern. Dass vor dem Sportgericht bisweilen kräftig gelogen wird, davon ist auch der Kammervorsitzende überzeugt. Aber das ehrenamtlich tätige Gremium stößt eben oft an Grenzen.

Braucht es im Sport eine andere Gerichtsbarkeit? Oder braucht es eine größere Bandbreite bei den Bestrafungen? Georg Schierholz, der Vorsitzende des Verbandssportgerichts, sagt dazu Nein: „Was an Bandbreite zur Verfügung steht, reicht vollkommen aus.“ Die Rechts- und Verfahrensordnung sieht Sperrstrafen von einer Dauer bis zu acht Jahren vor.

Der Rechtsanwalt aus Lippstadt warnt dabei: „Man darf nicht verallgemeinern, auch wenn der Vorwurf sich zunächst ähnlich liest. Erfahrungsgemäß liegt jeder Fall anders.“ Grundsätzlich daher gleich zur Höchststrafe zu greifen, hält auch der oberste Vertreter eines Rechtsorgans im westfälischen Fußball für schlichtweg überzogen.

Sollten Verfahren abgegeben werden?

Schierholz weiß allerdings: Große Fußballkreise wie Dortmund, Hagen und Recklinghausen sind die, bei denen es zu den meisten Verfahren kommt. 103 hatte das Sportgericht in Recklinghausen in der vergangenen Saison auf den Tisch. Manch ein Beobachter fragt sich, inwieweit ein ehrenamtlich tätiges Gremium neutral sein kann. Jedes Sportgerichtsmitglied ist schließlich Mitglied und meistens auch Funktionsträger in einem Verein. Wäre es da nicht fairer, die Verfahren würden grundsätzlich an die Rechtsinstanzen der benachbarten Kreise abgegeben? Die Rechts- und Verfahrensordnung gibt das nicht her, sie könnte aber entsprechend geändert werden.

Bruno Ruch würde es auf einen Versuch ankommen lassen: „Warum nicht? Aber ich sehe es eigentlich eher als Vorteil an, dass wir unsere Klientel kennen, die Vereine, die Plätze und Schiedsrichter.“ Das erleichtere vieles, damit könne sich das Gremium ein klares Bild machen.

Georg Schierholz hält aus rein pragmatischen Gründen nichts von dieser Idee: „Das würde zu unnötigen Fahrt- und Verfahrenskosten führen, die zulasten der Vereine gingen.“ Grund, an der Neutralität der Sportgerichte zu zweifeln, sehe er nicht.

Das Kreissportgericht wird weiter an seiner Linie festhalten und glaubt, dass es damit richtig liegt – auch wenn es weiter Kritik hageln wird. „Bei einem Spielabbruch werden weiter 100 Euro fällig“, sagt Bruno Ruch. „Wer meint, das hört sich nicht allzu viel an, sollte mal nachrechnen, wie viele Würste der Verein netto verkaufen muss, um das Geld wieder rein zu holen.“

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