Die leere Sporthalle im Schuzentrum Haltern im Frühjahr 2020.
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Leere Hallen (im Bild das Schulzentrum Haltern) – seit Monaten die Regel, nicht die Ausnahme.

Sport in Corona-Zeit

In der mentalen Sackgasse

  • Olaf Krimpmann
    vonOlaf Krimpmann
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Der Lockdown in Gütersloh zeigt, wie fragil die Lage ist: Viele Wissenschaftler fürchten, dass es eine zweite Corona-Welle geben könnte. Die würde das öffentliche Leben und damit auch den Sport erneut tief treffen. 

Ob es in diesen Tagen, angesichts der Nachrichten aus Gütersloh, nichts Wichtigeres gebe, als den Vereinssport zu retten? Diese Frage muss sich Detlef Kuhlmann schon gefallen lassen. 

Der 65-Jährige, Professor am Institut für Sportwissenschaft der Leibniz Universität Hannover und Präsident des Stadtsportbundes Bielefeld, hat einen bemerkenswerten Artikel verfasst, den wir an dieser als Gastbeitrag veröffentlichen.

 „Durchaus gibt es wichtigere Dinge“, entgegnet Kuhlmann im Telefongespräch. „Aber wir dürfen die Dinge, die für unser Wohlbefinden wichtig sind, nicht ausblenden.“ 

Der Sportpädagoge ist sicher: „Wir leiden schon genug.“ Kuhlmann, ehemaliger Handballer und seit vielen Jahren passionierter Läufer, spricht von einer „mentalen Sackgasse“, in der sich viele Menschen gerade befänden: „Ich habe, etwa durchs Joggen, zwar eine körperliche Beanspruchung, aber keine Herausforderung, weil die Wettkämpfe fehlen.“


Der Vereinssport ist in Gefahr

Genau hier liege die Gefahr: Wenn noch immer in weiter Ferne liege, wann es einen organisierten Wettkampfsport geben wird, wenn Hallen dichtblieben, gar der Schulsport weiter eingeschränkt werde, weil es gar keine weitergehenden Konzepte gebe, leide die Motivation. Das könnte den Vereinssport, wie wir ihn seit langem kennen und schätzen, schwer treffen.

Hier der Gastbeitrag von Prof. Dr. Kuhlmann (Anm. d. Red.: Dieser wurde bereits vom SSB Bielefeld leicht verändert veröffentlicht, hat in seiner Allgemeingültigkeit aber Bedeutung für den gesamten Vereinssport in NRW): 

Der Sport im Kreis Recklinghausen befindet sich nach wie vor weitgehend im „Time-out“. Selbst die lokalen Sportseiten in der Zeitung sind davon betroffen. Neues gibt es höchstens aus dem „Corona-Abseits“, aber kaum aktuelle Berichte über Spiele und Wettkämpfe in den verschiedenen Sportarten.

Der verbandlich organisierte Sport steht fast vollends still. Dabei liegt das Problem noch viel tiefer, denn viele Aktive in den Vereinen fragen sich inzwischen: Warum lohnt es überhaupt, jetzt schrittweise den Trainingsbetrieb wieder aufzunehmen, wenn noch nicht einmal feststeht, ob im Herbst die Saison wieder beginnt. 

Diese düstere Perspektive trifft den Wettkampfsport – egal für welche Altersklasse und in welcher leistungsbezogenen Liga – im Herz: Hier kommen Menschen mit anderen Menschen zusammen, um sich im friedlich-fairen sportlichen Vergleich zu messen. Das ist die Grundidee. Das ist im Basketball nicht anders als im Volleyball, in der Rhythmischen Sportgymnastik genauso wie im Judo. 

Ein fatales Signal der Kultusminister 

Alles ist derzeit nicht möglich. Gerade weil die aktiven Sportlerinnen und Sportler nicht auf dem Spielfeld stehen dürfen, steht für sie viel auf dem Spiel: Es geht um die Existenz des Trainings- und Wettkampfbetriebs, der seit den letzten 75 Jahren einen rasanten Aufschwung bei uns genommen hat. 

Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, setzt die Kultusministerkonferenz (KMK) dieser Tage noch einen drauf: Sie hat angeblich vor, auch im nächsten Schuljahr 2020/21 den Sportunterricht weiterhin ausfallen zu lassen, es sei denn, er kann unter freiem Himmel stattfinden. 

Anstatt dessen „sollen Schüler motiviert werden, sich mehr in der Freizeit zu bewegen“ (FAZ vom 3. Juni) - also doch: Willkommen in den Sportvereinen, liebe Kinder und Jugendliche, sofern ihr hier noch nicht aktiv seid! 



Das Signal der KMK ist fatal bis fürchterlic h: Wenn schon ein Sportunterricht durch akademisch qualifizierte Lehrkräfte in nächster Zeit nicht mehr gewährleistet ist, warum sollen dann (in denselben Schulsporthallen) ehrenamtlich tätige Übungsleiterinnen und Übungsleiter für ein „besseres“ Sportangebot für die gleichen Kinder und Jugendlichen sorgen?

Warum Hallen nicht für Schulen, aber Vereine öffnen?

Mehr noch: Sofern die Sporthallen für den Schulsport geschlossen bleiben, warum müssen sie dann überhaupt noch für die Vereine geöffnet werden? Sport im Kreis Recklinghausen mit ungewisser Zukunft?

Man muss daher nochmals und mit Nachdruck an alle Verantwortlichen in Politik und Verwaltung auf kommunaler appellieren, aber auch auf Landesebene, dafür Sorge zu tragen, dass der Sport im Kreisgebiet Schritt für Schritt und zukunftssicher aus der Krise herausgeführt wird. 

Ein Konjunkturpaket für den Sport muss her

Im Grunde ist ein solches „Konjunkturpaket“ ganz einfach zu schnüren: Verlässliche Wiederherstellung der Rahmenbedingungen für ein geregeltes Sporttreiben, damit die Menschen im Kreis wieder in die Sportstätten und zu den vielfältigen Sportangeboten unserer mehreren hundert Sportvereine zurückkehren können. 

Dazu gehört, dass die kommunalen Sportstätten jetzt, in den anstehenden Sommerferien, nach der dreimonatigen Pause nicht gleich wieder geschlossen werden. Corona hin oder her: Aktives Sporttreiben soll unser Leben nicht nur, aber auch im Kreis Recklinghausen bereichern – jeden Tag aufs Neue! Auch deswegen gibt es den (Lokal-) Sport in der Zeitung ...

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