Hans-Peter Villis über die Saison des VfL Bochum

"So eine Stimmung im Stadion gab es lange nicht mehr"

Bochum - Fußball-Zweitligist VfL Bochum hat eine turbulente Saison hinter sich. Lange Zeit ging es gegen den Abstieg, der Aufstieg war aber ebenfalls in Reichweite. Wir haben den Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Peter Villis mit Thesen konfrontiert.

Wenn der VfL Bochum mit den Entlassungen von Christian Hochstätter und Jens Rasiejewski zwei Spiele länger gewartet hätte, wäre der VfL abgestiegen...Solche Gedankenspiele mögen für Redakteure eine Rolle spielen. In der Realität jedoch geht es um Entscheidungen. Den Trennungen gingen intensive Beratungsphasen im Aufsichtsrat voraus. Zum damaligen Zeitpunkt waren wir sportlich außer Tritt geraten, die Ergebnisse waren viermal hintereinander negativ, die Mannschaft wirkte tief verunsichert und die Stimmung im Umfeld durchaus gereizt. An dem Punkt war es Zeit, zu handeln.

Ein Abstieg hätte den VfL Bochum in seiner Existenz bedroht...Er hätte auf jeden Fall einschneidende Konsequenzen zur Folge gehabt. Welche, kann man derzeit zum Beispiel gut am Standort Braunschweig beobachten. Unsere Planungen wären jedenfalls ins Stocken geraten, in einigen Punkten wären wir zurückgeworfen worden.

Wenn der VfL Bochum Christian Hochstätter und Jens Rasiejewski zwei Spiele früher entlassen hätte, wäre der VfL aufgestiegen...Auch dieses Gedankenspiel verbietet sich meines Erachtens nach. Zu dem von Ihnen angesprochenen Zeitpunkt hatten wir gerade unser Jahresauftaktspiel gegen den MSV Duisburg unglücklich verloren. Rechnet man die unverdiente Niederlage in St. Pauli zum Jahresausklang hinzu, waren das zwei verlorene Spiele in Folge. Nach zwei Niederlagen am Stück das komplette Konzept infrage zu stellen, wäre in meinen Augen höchst fragwürdig. Zumal wir in der Phase direkt davor sechs Spiele in Folge ungeschlagen waren und Kontakt zur Spitzengruppe hergestellt hatten.

Indem sie während der Krise viel Gegenwind entfacht hat, hat die Opposition einen Anteil daran, dass der VfL anschließend sportlich sowie in der Außendarstellung die Kurve bekommen hat...Das ist eine sehr gewagte These. Fakt ist, dass die von Ihnen so bezeichnete Opposition sehr vielschichtig aufgestellt war. Da war viel individuelles Interesse dabei. Wir haben natürlich die Kritik vernommen, aber sie hat letzten Endes wenig Einfluss auf die Entscheidungen gehabt, die wir im Aufsichtsrat getroffen haben. Dafür war in erster Linie die sportliche Performance ausschlaggebend, die, wie oben angesprochen, zu jenem Zeitpunkt nicht gestimmt hat. Wir haben aber auch registriert, dass nach unserer Entscheidung ein Stimmungsumschwung stattfand, hin zum Positiven.

Der VfL ist nach dem personellen Erdbeben im Februar enger zusammengerückt...Das gilt innerhalb des Vereins auf jeden Fall. Sebastian Schindzielorz, Robin Dutt und Heiko Butscher haben daran einen wesentlichen Anteil, auch Ilja Kaenzig hat seinen Teil dazu beigetragen. Wobei das größte Plus sicherlich war, die Mannschaft wieder zu einer verschworenen Einheit zu formen, die an sich und ihre Fähigkeiten glaubt. Innerhalb des Umfelds war es zudem großartig zu beobachten, wie sich die Bochumer Fanszene organisiert und engagiert hat. Davor kann man ebenfalls nur den Hut ziehen. So eine Stimmung im Stadion wie in den letzten Spielen gab es schon lange nicht mehr.

Es war eine zu große Bürde für Trainer Ismail Atalan und die Mannschaft, dass vor der Saison der Aufstieg offensiv als Ziel ausgegeben worden ist. Trotzdem bleibt die Bundesliga das Ziel?Wie man es macht, macht man es offenbar verkehrt. Grundsätzlich muss man sich Ziele setzen. Aber wie man sie kommuniziert, ist dann die Frage. Wir haben eingesehen, dass die offensive Formulierung des Saisonziels zunächst nicht dazu beigetragen hat, dass die Mannschaft befreiter oder beflügelter aufgetreten ist. Insofern werden wir zukünftig deutlich sensibler mit dem Thema umgehen. Das ist übrigens losgelöst von irgendwelchen Personalien zu sehen.

Die Verpflichtung von Robin Dutt, der mehrere Jahre nicht mehr im Trainergeschäft aktiv gewesen ist, war ein unüberschaubares Risiko...Einen Trainer, der in der Champions League tätig war, als "Risiko" darzustellen, entbehrt meines Erachtens jeglicher Grundlage. Das empfinde ich als respektlos. Sebastian Schindzielorz hat uns seine Vorstellungen vom neuen Trainer mitgeteilt, er wollte einen erfahrenen Coach haben. Die Wahl fiel sehr schnell auf Robin Dutt, der aufgrund seiner erfolgreichen Vita, den hervorragenden Referenzen und der früheren Zusammenarbeit mit Heiko Butscher absolut dem Anforderungsprofil entsprach. Dass sich die Zusammenarbeit schon so schnell so erfolgreich gestalten sollte, hat uns allerdings auch ein wenig überrascht. Was im Umkehrschluss aber das vorhandene Potenzial der Mannschaft zeigt, sodass das ursprünglich proklamierte Ziel keine Utopie war.

Der starke Schlussspurt hat den VfL interessant für mögliche Investoren gemacht?Das erfolgreiche Saisonende hat uns in der wichtigen TV-Geld-Tabelle ein paar Plätze nach oben gebracht. Um aber auf Dauer erfolgreich zu sein, bedarf es zusätzlicher Mittel. Und an dem Punkt sind wir nach wie vor daran interessiert, strategische Partner für den VfL zu gewinnen. Und diese schauen nicht auf kurzfristige Ereignisse.

Der VfL knüpft in der kommenden Saison an die Erfolge der letzten drei Monate an?Das wäre schön, lässt sich aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorhersagen. Die meisten Mannschaften haben ihre Kader noch nicht final zusammen, wir auch nicht. Da sind noch einige Fragezeichen dabei. Erst nach dem Transferschluss lässt sich sagen, wie der VfL im Vergleich zu anderen einzuordnen ist. Fakt ist, dass mit dem HSV und dem 1. FC Köln zwar zwei attraktive Gegner die Zweite Liga bereichern, die aber grundsätzlich ganz andere finanzielle Spielräume und sich dementsprechend den Aufstieg als oberstes Ziel gesetzt haben.

Die vergangene Saison hat Hans-Peter Villis mehr Kraft gekostet, als er nach außen hin gezeigt hat?Sie hat sehr viel Kraft gekostet. Aber sie hat auch gezeigt, dass wir unserer Verantwortung nachgekommen sind und richtige Entscheidungen getroffen haben. Auch und gerade unter Druck.

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