Lebenshilfe

Ein Stückchen Neuland für alle

DATTELN/WALTROP. Die Stimmung im Obergeschoss des kleinen Wohnhauses ist ausgelassen. Während an Windspielen aus Muscheln gebastelt und Kräuter eingetopft werden, unterhalten sich die Männer und Frauen über Schalke, Gott und die Welt. Rentner unter sich. Doch diese Rentner sind etwas besonderes – sie bilden den ersten Seniorentreff für geistig behinderte Menschen im Kreis Recklinghausen.

Die Lebenshilfe betreibt seit Mitte April eine Tagesstätte für Senioren mit einem Handicap. Zurzeit noch in der Dattelner Wohnanlage „Haus von Anne und Klaus“ hinter der Josefkirche. Ab 10. Juli dann im „Mach et“ an der Bahnhofstraße in Waltrop. Montags, dienstags und mittwochs zwischen 9 und 16 Uhr treffen sich hier Menschen mit geistiger Behinderung, die das Rentenalter erreicht haben. So wie Werner Maar. Der 64-Jährige hat fast 40 Jahre lang in Werkstätten gearbeitet, Schrauben eingetütet und Geräte montiert. Jetzt muss er nicht mehr arbeiten. Den strukturierten Arbeitsalltag vermisst er aber schon: „Hier treffe ich alte Kollegen wieder. Und es gibt sogar etwas zu essen.“ Die Lebenshilfe bietet Familien, teilweise leben die Rentner noch bei ihren Eltern, damit auch die Möglichkeit zur Entlastung. Und den Senioren eine sinnvolle Beschäftigung: Es wird gebastelt, musiziert, geklönt, gesungen und manchmal auch getanzt. Zu Roy Black oder den Flippers. Auch die Lektüre der Waltroper Zeitung gehört zum Programm. „Ab und zu gibt es auch Filmnachmittage, zum Beispiel mit der Schwarzwaldklinik“, sagt Diana Reinstein. Für die Heilerziehungspflegerin ist der Rentnertreff Neuland. Nicht nur für sie. Für die Lebenshilfe, den Landschaftsverband Westfalen-Lippe, die gesamte deutsche Gesellschaft. Schließlich ist dies die erste Generation geistig behinderter Menschen, die das Rentenalter erlebt: Zehntausende Menschen mit Behinderungen wurden in den 30er und 40er Jahren von den Nationalsozialisten ermordet. Folgen der so genannten „Euthanasie-Gesetze“. Ganze Generationen fehlen so der gesellschaftlichen Geschichte, und damit auch Erfahrungen über die Bedürfnisse dieser Menschen im Alter. Durch eine verbesserte Grundversorgung, medizinische Betreuung und ausgebaute Bildungs-, Förder- und Rehabilitationangebote steigt heute die Lebenserwartung von Menschen mit einer geistigen Behinderung. „Versorgungssysteme und Angebote für Menschen mit einer geistigen Behinderung im Rentenalter zu schaffen, stellt auch die Wohlfahrtsverbände bundesweit vor eine ganz neue Aufgabe“, sagt Christoph Boelhauve von der Lebenshilfe. Er hat sich zusammen mit Diana Reinstein, Daniela Lücker und Willi Weweringhaus in ähnlichen Einrichtungen in Mönchengladbach und Braunschweig Anregungen geholt. Zwei Jahre lang wurde am Konzept gestrickt. Mit Erfolg: Der Seniorentreff – für den sich die Teilnehmer verbindlich anmelden, den sie aber nicht unbedingt täglich besuchen müssen – wird angenommen. Acht Männer und Frauen treffen sich in Datteln, Platz für bis zu 20 Menschen gibt es ab 10. Juli im Waltroper „Mach et“, dann vielleicht sogar fünfmal pro Woche. Manche kommen aus Wohngruppen der Lebenshilfe, andere leben bei Geschwistern oder Eltern. Alle haben eines gemeinsam: Sie wollen nicht zu Hause vorm Fernseher sitzen – sondern am Alltag teilhaben. Und das können sie beim Rentnertreff der Lebenshilfe.

Rubriklistenbild: © Foto: Klathoff

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