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Wechsel bei der Einrichtungsleitung: Ab 1. Mai übernimmt Nadja Spezzamonte für Michael Schwerdt im André-Streitenberger-Haus. Sein Name wird aber stets in Verbindung mit der Wohngruppe stehen.

André-Streitenberger-Haus

Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben

DATTELN/WALTROP - Das André-Streitenberger-Haus ist das Lebenswerk des Waltropers Michael Schwerdt. Am 30. April geht der Einrichtungsleiter in den Ruhestand.

Knapp 30 Jahre ist Michael Schwerdt an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik tätig. Seit der Eröffnung im Jahr 2002 leitet er das André-Streitenberger-Haus für langzeitbeatmete Kinder und Jugendliche. Wie sein Namensgeber wird auch Schwerdt immer mit der Einrichtung und dem Projekt in Verbindung stehen – auch wenn er sich zum Monatsende in den Ruhestand zurückzieht.

Leben auf der Intensivstation

Eine Lebenserwartung von ein bis zwei Jahren hatten kritische Stimmen aus der Ärzteschaft den ersten Bewohnern des André-Streitenberger-Hauses prognostiziert. Kinder und Jugendliche, die wegen eines Unfalls oder einer Krankheit langzeitbeamtet werden müssen, kannten bis dato nur ein Leben auf der Intensivstation. Michael Schwerdt erlebte dies hautnah, als er an der Kinderklinik hospitierte und André Streitenberger kennenlernte. Seine 17 Lebensjahre verbrachte dieser nahezu ausschließlich auf der Intensivstation. Michael Schwerdt hatte schon damals nur wenig Verständnis dafür: „Ich sah diesen Jungen, der mit einem Handspiegel die ganze Station überblickte. So behindert, dass er die Intensivstation nicht verlassen darf, kann er gar nicht sein, wenn er den Spiegel so einzusetzen weiß.“ Schwerdt widmete André Streitenberger seine Diplomarbeit, die die Versorgung von behinderten Menschen in Krankenhäusern behandelte. Der Förderverein der Klinik verschaffte ihm eine halbe Stelle – nach einem dreiviertel Jahr wurde er fest angestellt. Der Diplompädagoge schaffte zusammen mit Elke Beerenbrock Strukturen an der Klinik, die an die Bedürfnisse von André Streitenberger angepasst wurden. Das Thema ließ den heute 63-Jährigen aber auch in der Folge nicht los: Er schrieb Konzepte, aus denen dann später die heutige Wohngruppe an der Beisenkampstraße entstanden ist. Je nach Krankheitsgrad können sich die Kinder und Jugendlichen dort freier Bewegen, in der Küche essen, in den Garten gehen oder zusammen mit der ganzen Gruppe zu Ausflügen aufbrechen. „Es soll eine familiäre Atmosphäre herrschen“, sagt der Einrichtungsleiter.

Risiko, Gefahr und kritische Stimmen

Schwerdt bekam öffentliche Mittel für das Projekt bewilligt und überzeugte auch Andreas Wachtel, den Geschäftsführer der Vestischen Kinder- und Jugendklinik, von seinem Vorhaben. „Ohne Herrn Wachtel wäre das Haus nie gebaut worden“, hat Schwerdt großen Respekt vor der Entscheidung, „man konnte es sich einfach nicht vorstellen. Es gab viele kritische und skeptische Stimmen und natürlich war auch das Risiko und die Gefahr hoch.“

Michael Schwerdt hatte jedoch stets den festen Glauben daran, dass es noch ein Leben außerhalb der Intensivstation für langzeitbeatmete Kinder geben muss. „André habe ich bei der Planung mit einbezogen und ihn gefragt, was ein 17-jähriger Junge gerne in seinem Zuhause hätte“, sagt Schwerdt. Zu einem Einzug von Streitenberger kam es nie. Noch während der Planung verstarb er – die Wohngruppe wurde in der Folge nach ihm benannt.

Entgegen vieler ärztlicher Prognosen verstarb in 17 Jahren aber kein einziger der insgesamt schon zehn Langzeitbewohner. Ganz am Anfang habe ein Bewohner für kurze Zeit auf die Intensivstation gemusst, „aber der Zustand hat sich schnell stabilisiert“, sagt Schwerdt. Mittlerweile befindet sich das André-Streitenberger-Haus im Umbruch. Nicht nur, weil ab dem 1. Mai mit Nadja Spezzamonte eine neue Leiterin übernimmt, sondern weil auch viele Bewohner mittlerweile erwachsen sind und ein Aufenthalt in der Einrichtung für Kinder- und Jugendliche nicht mehr gefördert wird. „Der Zeitpunkt für den Wechsel ist also nicht schlecht gewählt“, sagt Schwerdt, auch wenn er mit einem weinenden Auge gehe. „Die Kinder hier können kein selbstständiges Leben führen, aber es war stets unser Ziel, ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, sie also selber entscheiden zu lassen, ob sie heute einen roten oder andersfarbigen Pullover anziehen wollen“, sagt Schwerdt. Nur so sei es möglich, den Bewohnern ein lebenswertes Dasein zu ermöglichen, „Wenn wir ihnen das nehmen, was bleibt dann noch?“

Nicht selten meldeten sich zuletzt ehemalige Bewohner mit Heimweh bei Michael Schwerdt. „Viele verstehen nicht, dass hier das Zuhause der Bewohner ist“, sagt er und will weiterhin Kontakt halten, sowohl zu Ehemaligen wie auch zu den aktuellen Bewohnern und den Mitarbeitern. „Wenn sie mich denn auch haben wollen“, sagt er.

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