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Tanja Dziuron (li.) und Margarete Decher mit der Mutter der Geschäftsführerin, die auch in der Amarigo-Pflegeeinrichtung betreut wird.

Tanja Dziuron (Teamleiterin Demenz-WG)

Würde braucht Zeit

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WALTROP - Tanja Dziuron hat täglich mit Menschen zu tun, die ihre Würde nicht ohne Weiteres selbst schützen können. „Also ist es unsere Aufgabe, sie zu schützen“, sagt die 41-Jährige. Sie ist Teamleiterin der Demenz-WGs der Amarigo-Pflegeeinrichtung an der Wilhelmstraße.

Die Würde des Menschen zu achten, das heißt für Tanja Dziuron zum Beispiel: Anklopfen, bevor man ein Zimmer betritt, auch wenn es der Zimmerbewohner scheinbar gar nicht zur Kenntnis nimmt. Menschen, die noch selbst essen können, auch selbst essen lassen, ihnen keinen Schlabberlatz umbinden. Und auch dies: Wenn jemand meint, eine Person hinter dem Vorhang zu sehen, nicht zu sagen, das sei Quatsch und Einbildung.

Sich in die Realität des anderen begeben

Eher lautet der Umgang damit, den Vorhang beiseite zu ziehen und zu sagen: Schauen Sie mal, den haben wir vertrieben. „Das ist kein Belügen, sondern man begibt sich nur in die Realität desjenigen“, sagt Tanja Dziuron. „Es bringt ja in diesem Moment nichts, zu versuchen, ihm meine Realität näher zu bringen.“ Wer die Würde der Menschen, mit denen Tanja Dziuron arbeitet, ernst nehmen und schützen will, der braucht Zeit. Oft wäre es einfacher, nervenschonender und zeitsparender, sich über den mutmaßlichen Willen des zu Pflegenden hinwegzusetzen und das zu tun, was schneller und effizienter und objektiv vielleicht sogar besser für den Betroffenen ist. Hand aufs Herz: Gab es nicht auch schon bei der 41-Jährigen die Versuchung, Würde Würde sein zu lassen und einfach nur schnell mit ihrer Arbeit fertig zu werden? Nein, beteuert Tanja Dziuron, tatsächlich noch nie. Der gute Betreuungsschlüssel in der Amarigo-Einrichtung erlaubt es ihr, ein Zimmer zu verlassen, wenn die Anspannung mal groß wird, und einen Kollegen dort weiter arbeiten zu lassen. Das ist in der Pflege-Branche längst nicht überall so. Der Staat schafft eben – obwohl im Grundgesetz garantiert – nicht überall gute Bedingungen, damit die Würde des Menschen geachtet und geschützt werden kann, auch wenn sich in der Branche nun einiges verbessern soll.

Oft fehlt die Zeit

Wenn es grundsätzlich um die Bedingungen in der Pflege geht, hat Margarete Decher von der Amarigo-Geschäftsleitung große Zweifel, ob der Staat seiner Selbstverpflichtung aus dem Grundgesetz gerecht wird. Sie kennt die Arbeitsbedingungen bei mobilen Pflegediensten, deren Mitarbeiter sich oft gern mehr Zeit nehmen würden für ein Gespräch mit den Menschen, die sie pflegen. Aber die haben sie nicht – „das System lässt das nicht zu“. Margarete Decher zählt die vielen Handgriffe auf, die in den paar Minuten erledigt sein müssen, die pro Patient bleiben. Solche Verhältnisse verstießen gegen die Würde der Mitarbeiter in der Pflege, sagt sie.

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