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Ortslandwirt Thomas Witte zeigt seine Abferkelbuchten. Die großen Sauen leben zum Schutz der Ferkel für etwa vier Wochen in einem sogenannten Ferkelschutzkorb. Gäbe es diese Stahlkonstruktion nicht, würden die Muttertiere deutlich mehr Ferkel zerquetschen, wenn sie sich auf den Boden fallen lassen.

Tierschutz-Debatte

Wenn Landwirtschaft an politische Grenzen stößt

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Waltrop - Ortslandwirt Thomas Witte stellt seine Ferkel-Produktion ein. Immer strengere Regeln und Vorschriften zwingen ihn dazu. Für Witte steht fest: Theoretischer Tierschutz geht oft an der Praxis vorbei.

Thomas Witte betreibt einen landwirtschaftlichen Betrieb an der Tenbuschstraße. Das ist Familientradition seit vielen Generationen. Seit sein Vater Mitte der 1970er-Jahre im größeren Stile damit angefangen hat, werden auf dem Hof Witte auch Ferkel großgezogen. Ganz klassisch im „geschlossenen System“. „Das ist doch eigentlich genau das, was der Verbraucher will“, stellt Witte fest. Ferkel kommen an der Tenbuschstraße zur Welt, werden dort großgezogen und gemästet. Ganz ohne klimaschädliche Lkw-Transporte, ganz ohne unnötigen Stress für die Tiere.

Im Schnitt drei Jahre leben die Schweine so auf dem Hof der Familie, bevor es zum Schlachter geht. In wenigen Monaten ist es damit aber vorbei. Thomas Witte wird Ferkel künftig einkaufen und hertransportieren müssen, weil er selbst keine Jungtiere mehr erzeugen will und kann. Eine Konsequenz aus den vielfältigen neuen Tierschutz-Vorschriften, die im Moment von politischer Seite diskutiert werden. Das Problem dabei: „Als kleiner Betrieb kann man all das, was der Gesetzgeber verlangt, gar nicht mehr leisten“, sagt der Landwirt.

Geht es wirklich um Tierwohl?

Bei ihm geht es insbesondere um die immer strenger werdenden Vorschriften in der Schweineaufzucht. Dass das Tierwohl dabei im Vordergrund steht, zweifelt der Ortslandwirt stark an. Stichwort Kastrationsverbot: Laut Tierschutzgesetz ist es seit 1. Januar 2019 verboten, Ferkel ohne Betäubung zu kastrieren. Wenngleich die Umsetzung für zwei Jahre ausgesetzt sei, schildert Witte. Das ist aus gutem Grund so, weil sich die Politik bisher nicht einig ist, wo die Reise bei den Kastrationsvorschriften überhaupt hingehen soll.

Im Moment läuft die Ferkelkastration, die die Landwirte selbst durchführen, so ab: Den Jungtieren wird zunächst ein Schmerzmittel gespritzt. Anschließend werden ihnen durch einen etwa einen Zentimeter kleinen Skalpell-Schnitt die Hoden entnommen. „Das ganze dauert 20 bis 30 Sekunden“, sagt Thomas Witte. Die kleine Wunde werde anschließend desinfiziert „und nach einer Viertelstunde laufen die Ferkel wieder munter umher“.

Im politischen Berlin herrscht noch Uneinigkeit

Künftig sollen die Ferkel vor jeder Kastration betäubt werden. Wie das ganze vonstattengehen soll, darüber herrscht im politischen Berlin jedoch Uneinigkeit. Soll den Tieren ein Narkosemittel gespritzt werden? Und wenn ja, wer darf es spritzen: Der Bauer selbst oder muss der Tierarzt kommen? Oder ist eine Betäubung durch eine Art Lachgas, das per Maske verabreicht wird, besser? Zudem gibt es auch noch die Idee einer hormonellen Kastration.

„Wenn es wenigstens eine klare Richtung gäbe, könnte man sich darauf ja vorbereiten“, sagt Witte. Die gibt es aber nicht. Fest steht dafür eines: Egal, wie die Tiere künftig kastriert werden – es wird für den Landwirt vor Ort teurer. „Die Gewinnmarge ist jetzt schon so klein, dass es sich für kleine Betriebe wie unseren einfach nicht mehr lohnt“, stellt Witte fest.

Verlustquote von 15 bis 20 Prozent

Und ganz nebenbei bezweifelt er, ob das neue Vorgehen tatsächlich zum Wohle der Tiere ist. „Werden die Ferkel betäubt, liegen sie drei bis vier Stunden in der Ecke und kühlen aus.“ Weil die Jungtiere ohnehin kaum Energiereserven haben, kann das Auskühlen ganz schnell lebensbedrohlich werden. Zumal die Ferkel „mindestens zwei Säugezeiten verpassen“, gibt Witte zu bedenken. „Ich glaube, dass die Politiker in Berlin denken, dass so eine Kastration ein blutiges Massaker ist. Aber so ist das in der Realität überhaupt nicht.“ Ein weiterer Punkt, warum Thomas Witte die Ferkel-Produktion nun auslaufen lässt, ist der Ruf nach größeren Abferkelbuchten. Momentan leben die Sauen vier Wochen lang in einem „Ferkelschutzkorb“, um zu verhindern, dass die großen Muttertiere die Ferkel zerquetschen. „Das wird aber viel häufiger passieren, wenn die Sauen frei bei den Ferkeln herumlaufen“, sagt Witte. Praxisversuche hätten das schon bewiesen. Witte berichtet von einer Verlustquote von 15 bis 20 Prozent pro Wurf. Jetzt seien es etwa 10 Prozent. Zudem brauche es etwa ein Drittel mehr Platz, den Witte nicht hat.

Unterm Strich zieht der Ortslandwirt nun die Reißleine. Ferkel wird er ab Herbst alle zukaufen und dann erst mästen. Das bedeutet mehr Lkw-Transporte, mehr CO2-Ausstoß, mehr Stress für die Tiere. Thomas Witte sagt: „Dass ich meinen Kindern noch rate, unseren Hof weiterzuführen, glaube ich Stand heute nicht.“

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