Corona-Krise

Rätselraten um Reproduktionszahl: RKI klärt auf, ab wann es wirklich kritisch wird

Die Corona-Pandemie tobt weiterhin auch in Deutschland. Das Robert-Koch-Institut klärt auf, warum die Reproduktionszahl schwankt - und wann es kritisch wird.

Berlin - Sonntag, 10. Mai, 0 Uhr. Die Reproduktionszahl steigt auf 1,13, schreibt das Robert-Koch-Institut. Montags liegt der ominöse R-Wert bei 1,07, dienstags ebenfalls bei „leicht über eins“, wie Lars Schaade, Vizepräsident des RKI, erklärt. Damit hat also das Nonplusultra-Kriterium der Lockerungs-Frage in Zeiten von Corona* den vierten Tag in Folge die kritische Grenze eins überschritten. 

Was also tun? Deutschland sofort wieder zurück in den Standby-Modus versetzen? Mitnichten! Denn die Reproduktionszahl ergibt nur im Kontext Sinn. Und der ist etwas komplizierter als nur eine eins vor dem Komma. 

Reproduktionszahl schwankt: Was der R-Wert über die Corona-Krise in Deutschland aussagt

Um eines gleich klarzustellen: Die Reproduktionszahl gibt an, wie viele Menschen ein mit dem Coronavirus Infizierter im Schnitt ansteckt. Im Falle des aktuellen Werts von 1,07 heißt das also, dass jeder Infizierte im Schnitt etwas mehr als eine weitere Person ansteckt. 

Das Robert Koch-Institut informiert in Person von Lars Schaade in Berlin über die steigende Reproduktionszahl in Zeiten von Corona.

Das Robert-Koch-Institut ist stets bemüht zu betonen, dass der R-Wert dauerhaft unter eins sein muss, damit die Corona-Pandemie in Deutschland abnimmt. Anfang Mai lag die Reproduktionszahl zwischen 0,7 und 0,8, einmal sogar bei 0,65. Seither steigt der Wert jedoch wieder an. 

Dabei spiegelt diese Zahl nicht den aktuellen Stand der Dinge wider, sondern den von ca. vor zwei Wochen. So erklärte Schaade auf einer Pressekonferenz am Dienstag (12.05.), dass sich der derzeitige R-Wert auf Infektionen vom 28.04. bis 03.05. bezieht. Da soll einer erstmal durchblicken. 

Die Schwankungen der Reproduktionszahl der Corona-Pandemie haben Gründe

Doch davon nicht genug. Die Reproduktionszahl schwankt nämlich gern und viel. Das hat seine Gründe. Wer sich heute ansteckt, weiß von seinem (Un)Glück vielleicht erst in 14 Tagen etwas, wenn die Symptome* auftreten. Vielleicht geht er dann zum Arzt, vielleicht schon vorher, vielleicht auch nie. 

Im nächsten Schritt wird das RKI informiert. Das dauert. Und weil jeder Fall mit unterschiedlichem Zeitverzug bei den zuständigen Behörden landet, muss das Robert-Koch-Institut genau diese Schwankungen miteinberechnen. Das Ergebnis sind viele Schätzungen, manche Unsicherheiten und ein Mittelwert - die Reproduktionszahl. 

Warum die Reproduktionszahl schwankt - und was die Corona-Fallzahlen damit zu tun haben

Dass dieser R-Wert dann vielmehr einen War- statt einen Ist-Zustand darstellt, macht es für die Politik nicht gerade einfacher zu entscheiden, wann denn nun Lockerungen angemessen sind - und wann nicht. 

Dass die Reproduktionszahl steigt, kann auch daran liegen, „da die Schwankungen von Nachmeldungen zu stark waren“, erklärt Schaade. Zudem werden die Fallzahlen in Deutschland kleiner. „Dadurch beeinflussen auch einzelne Ausbrüche den Wert der Reproduktionszahl stärker, als dies vorher der Fall war.“ 

Corona-Krise: Geglätteter R-Wert soll Reproduktionszahl stabiler machen

Um die Schwankungen der Reproduktionszahl zu minimieren, will das Robert-Koch-Institut künftig einen geglätteten Wert veröffentlichen. Dieser sei weniger durch einzelne Ausbrüche beeinflusst und daher stabiler. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts habe dieser geglättete R-Wert zuletzt an keinem Tag über der magischen eins gelegen. 

Das Testverhalten hingegen verändere diesen Wert nur, wenn sehr stark mehr getestet wird, betont Schaade und legt nach: „Das wird sich aber wieder ausgleichen. Langfristig ist die Reproduktionszahl von der Häufigkeit von Testungen unabhängig.“

Nicht nur die Reproduktionszahl, auch die Corona-Neuinfektionen sind wichtig

Ohnehin sei die Zahl der Neuinfektionen ein „anderer wichtiger Parameter“. Laut RKI sind bisher 170.508 Infektionen mit dem Coronavirus registriert worden (Stand 12.5.2020, 00:00 Uhr), 7.533 Menschen starben an einer Corona-Infektion. Die Zahl der Neuinfektionen geht seit April im Schnitt stetig zurück. 

Ob sich der sinkende Trend der Neuinfektionen weiter fortsetzt oder es aber wieder zu einem Anstieg der Fallzahlen kommt, wie es die steigende Reproduktionszahl vermuten lässt, vermag das RKI nicht mit Sicherheit zu sagen. Aber: „Die Zahl wird immer schwanken und so lange sie um den Wert eins herum schwankt, ist das eine Stagnation und bedeutet keinen Anstieg.“ Kritisch werde es laut Schaade erst, wenn der R-Wert dauerhaft über eins bleibe.  

Experte erklärt: Darum steigt die Reproduktionszahl - auch schon vor den Lockerungen

Ähnlich hatte zuvor Dirk Brockmann, Experte für Modellierungen von Infektionskrankheiten an der Humboldt-Universität in Berlin, argumentiert. Auch er betont, dass die Reproduktionszahl nur eine grobe Schätzung und von vielen Faktoren abhängig ist. 

Dennoch lässt sich nach Brockmanns Ansicht eine Hypthese aus dem zuletzt steigenden R-Wert ableiten. Er vermutet, dass die Menschen schon vor den mittwochs beschlossenen Lockerungen wieder langsam zur Normalität zurückgekehrt sind. Man trifft sich mehr, ist häufiger unterwegs. Das führe zu mehr Ansteckungen. 

Reproduktionszahl schwankt: Das Coronavirus ist nicht weg

Daher appelliert Schaade an die Vernunft der Menschen in Deutschland. Denn nur so könne man eine zweite Welle vermeiden. Bis ein Impfstoff oder ein Prophylaktikum da sei, müsse man sich „bemühen, die Infektionen niedrig zu halten.“ Denn: „Das Virus ist immer noch in Deutschland. Das Virus ist nicht weg.“ 

von Nico Scheck mit dpa 

BundeskanzlerinAngela Merkel wird während einer Sitzung im Bundestag den Parlamentariern Rede und Antwort stehen.

Alle aktuellen Informationen rund um die Corona-Krise in Deutschland gibt es im News-Ticker. Zudem zeigen wir Ihnen, ob und wo man 2020 trotz Corona Urlaub machen kann*.

Was ist eigentlich ein R-Wert? Wie viele Menschen sind wirklich mit dem Coronavirus infiziert? Die Corona-Zahlen bergen viel Potenzial für Verwirrung* und falsche Eindrücke, schreibt FR-Kolumnist Dr. Bernd Hontschik.

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Rubriklistenbild: © Frank Rumpenhorst / dpa

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