Die Castroper Kirmes auf dem Prüfstand

Ist die Kirmes ein Auslaufmodell?

Castrop-Rauxel - Die Kirmes ist im Wandel. Was früher zweimal im Jahr traditionell ein Besuchermagnet in Castrop-Rauxel war, wird heute diskutiert. Denn Besucherströme gab es in den vergangenen Jahren nicht. Die Castroper Herbstkirmes steht seit 2015 auf dem Prüfstand.

1972 war noch richtig was los auf der Kirmes. Und die vielen Kirmesbesucher brachten richtig Geld mit. Hans-Werner Moryson hatte 400 D-Mark für die vier Kirmestage eingeplant - 100 Mark für jeden Tag, so erzählte er uns damals. Zweimal im Jahr drehen sich die Karussells in der Altstadt: zur Frühjahrs- und zur Herbstkirmes. Heute kommen nicht mehr so viele Besucher, und sie bringen auch nicht mehr so viel Geld mit. Hans-Werner Moryson geht zwar immer noch hin, lässt aber längst nicht mehr so viel Geld bei den Schaustellern. Volksfeste befinden sich in einem Transformationsprozess. Laut einer Studie des Deutschen Schaustellerbunds (DSB) ist von 2000 bis 2012 jede vierte Traditionsveranstaltung verschwunden. Die beiden in Castrop (noch?) nicht.

Kleine Veranstaltungen verschwinden

Nach der aktuellen Einschätzung des DSB-Präsidenten Albert Ritter sind es bundesweit noch 9400 Veranstaltungen, die regelmäßig stattfinden. 180 Millionen Besucher haben sie jährlich. Von einem Sterben der Kirmes will Ritter, der auch der Europäischen Schausteller-Union und dem Schaustellerverband Essen/Ruhrgebiet von 1919 vorsteht, aber anhand der absoluten Zahlen nicht sprechen. Denn es seien hauptsächlich kleinere Veranstaltungen verschwunden.

Die Ursachen sind vielfältig. Neben dem veränderten Freizeitverhalten und der Digitalisierung spielen die in den vergangenen Jahren gestiegenen Kosten der Schausteller eine Rolle: Seit dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember 2016 sind vorbeugende Sicherheitsmaßnahmen massiv ausgeweitet worden. Die Kosten tragen dafür die Schausteller. Allein in Nordrhein-Westfalen bedeutete das 2017 Mehrkosten von 8 Millionen Euro.

Mehrkosten für Sicherheit seien in Castrop-Rauxel bislang nicht angefallen, sagt EUV-Sprecherin Sabine Latterner: "Da es sich nicht um Großveranstaltungen handelt, waren zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen über das Maß der Verkehrssicherung nicht erforderlich." Also gab's auch keine Mehrkosten für die Schausteller. In anderen Städten sieht das anders aus.

Um die Wirtschaftlichkeit der Schaustellerbetriebe angesichts des Kostenanstiegs weiterhin sicherstellen zu können, fordert der DSB von der Politik eine Kehrtwende. So kam ein Gutachten der Universität Bochum, das der Schaustellerbund in Auftrag gegeben hatte, zu dem Schluss, dass Terror-Abwehr-Maßnahmen als staatliche Hoheitsaufgabe definiert seien. Der Bundesverband hofft darauf, dass die neu gebildete Bundesregierung zugunsten der Beschicker eine vertretbare Neulösung auf den Weg bringt und die Gewerbeordnung neu fasst.

Die Castroper Kirmes erzielt keine Gewinne

Unbestritten steigern Volksfeste die Attraktivität von Städten. Sie sind ein wichtiger Tourismus- und Wirtschaftsfaktor der Kommunen. "Allein die Cranger Kirmes hat 2017 der Stadt 1,5 Millionen Euro durch die Schausteller eingebracht", sagt Albert Ritter. Das ist Herne, dort ist Kirmes ein Markenzeichen. Castrop-Rauxel erzielt dagegen mit seiner Kirmes keine Gewinne. "Die Einnahmen gemäß der gültigen Entgeltordnung dienen zur Deckung der Ausgaben", sagt Sabine Latterner.

Wohl wissentlich um den positiven Nutzen der Volksfeste sprach sich Uwe Beckmeyer, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, kürzlich beim 69. Delegiertentreffen der Schausteller für einen Mittelweg aus, um die Mehrkosten für Marktbeschicker zu mindern.

Ein weiterer Faktor, der das Verschwinden kleinerer Veranstaltungen in den vergangenen Jahren befeuerte, ist die gestiegene Mobilität in der Gesellschaft und die Bereitschaft weitere Strecken zurückzulegen, um Großveranstaltungen zu besuchen. Kleinere und mittelgroße Feste müssen laut DSB-Studie einen Besucherschwund verkraften. "Die Leute fahren bis zu eineinhalb Stunden, um die großen Volksfeste zu besuchen", sagt Albert Ritter. "Früher reichte es, wenn vor der eigenen Haustür etwas passierte, wo sich alle trafen."

Der Dorfkirmes in Henrichenburg, die einmal im Jahr stattfindet, hat das bislang nicht geschadet. Sie ist fester Bestandteil im Terminkalender der Henrichenburger. Genaue Angaben zu den Besucherzahlen der beiden Kirmessen in der Altstadt gibt es nicht. Doch nach der Herbstkirmes 2017 gab es Kritik von den Beschickern. Zu wenige Besucher seien gekommen - auch, weil es am Kirmeswochenende mehrere Veranstaltungen gab. Eine Umfrage der Standortgemeinschaft Casconcept aus 2015 ergab: "Im auffälligen Gegensatz zu allen anderen Veranstaltungen hat die Kirmes den mit Abstand stärksten Wert in der Kategorie unwichtig erhalten."

2015 schrieb sich die CDU den Passus ins Kommunalwahlprogramm, die Herbstkirmes abzuschaffen. "Viele Anwohner meinen, einmal im Jahr würde reichen", erklärte seinerzeit Bürgermeisterkandidat Michael Breilmann. Auch die Einzelhändler in der Innenstadt würden das wegen der hohen Umsatzeinbußen begrüßen - stoßen bei der Stadt damit aber seit Jahren auf taube Ohren. Eine der beiden Kirmessen abzuschaffen, stand auch beim Marktplatzumbau auf der Agenda. 2016 musste die Kirmes auf den Viehmarkt ausweichen.

Die große Liebe wartete am Autoscooter

Veränderten Gesellschaftsstrukturen und dem digitalen Wandel zuzuschreiben ist, dass das Kennenlernen der großen Liebe am Autoscooter verschwunden ist. "Heute gibt?s die Dating-App fürs Smartphone", erklärt Albert Ritter. Daher seien die Schausteller ebenso wie der stationäre Einzelhandel in den Konkurrenzkampf mit Internet- und Smartphone-Angeboten getreten. Probleme für die kleineren Volksfeste seien ebenfalls durch wegbrechende Mitgliederzahlen in Schützenvereinen entstanden. Denn seit jeher waren Schützenvereine Veranstalter von Jahrmärkten in vielen ländlichen Bereichen, wo sie Teil der Schützenfeste waren.

Gerade in diesen althergebrachten Synergie-Strukturen liege laut Albert Ritter auch der Weg aus der Krise. Kirmes in Verbindung mit weiteren attraktiven Angeboten wie einem verkaufsoffenen Sonntag oder anderen Veranstaltungsformaten könnten die Festkultur in Randlagen sicherstellen. Der Schaustellerbund fordert außerdem von den Städten, dass sie ihre Marketingaktivitäten erhöhen, um kleinere Veranstaltungen zu fördern.

Laut Ritter müssten sich die Kommunen genauso beim Marketing engagieren, wie es bei Festen von überregionaler Strahlkraft der Fall ist. Die Kleinen müssten von den Großen wie Sim-Jü in Werne an der Lippe, der Cranger Kirmes, der Allerheiligenkirmes in Soest, der Rheinkirmes Düsseldorf, der Sterkrader Fronleichnamskirmes in Oberhausen oder der Grugakirmes in Essen in Sachen Marketing etwas abschauen. Diese Großen sind nämlich die Gewinner der Veränderungen: Das Wegfallen kleiner Veranstaltungen sorgt dafür, dass sich ein Gros der Beschicker um einen Platz bei den Großveranstaltungen bemüht. "Und da die Veranstalter um Qualität bemüht sind, lassen sie nicht jeden ran", so Albert Ritter. Um einen Platz zu bekommen, verschärft sich der Wettbewerb unter den Schaustellern - zugunsten der Festbesucher.

Und die sind trotz des demografischen Wandels längst nicht nur in der Altersgruppe Ü40 zu suchen, wie man beim DSB weiß. Albert Ritter: "Es ist tatsächlich so, dass gerade die Älteren ihre Kinder und Enkelkinder zur Kirmes mitnehmen. Brauchtum und Tradition werden immer noch von Generation zu Generation weitergetragen."

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