Fakten und ein großes Interview

Was die Agentur für Arbeit Castrop-Rauxel 2018 anders macht

Castrop-Rauxel - Die Agentur für Arbeit setzt 2018 vor allem auf Qualifizierung. Die Anforderungen an die Vermittlung sind gewachsen: Es geht jetzt um individuelle Beratung. Die Probleme in Castrop-Rauxel sind größer als in vielen Städten des ebenfalls gebeutelten Kreises Recklinghausen. Warum eigentlich? Antworten vom Agentur-Leiter.

Qualifizierung, Qualifizierung und Qualifizierung: Das seien die drei Stichworte, unter denen das Jahr 2018 bei der Agentur für Arbeit in Castrop-Rauxel stehe. So beschrieb es am Mittwoch Leiter Stefan Bunse. Aber was steckt dahinter?

Vor allem stecken Zahlen dahinter, die sich nicht so verändern, wie gewünscht: Während die Geschäftsstelle Datteln fürs Jahresende 2017 10,2 Prozent weniger Arbeitslose ausweist als zu Jahresbeginn, Recklinghausen 8,4 Prozent, Herten 6,2 Prozent, Dorsten 4,3 Prozent und Marl 2,9 Prozent, sind Gladbeck und Castrop-Rauxel die beiden einzigen Ausreißer ins Negative: 2,2 Prozent Arbeitslose mehr als im Dezember 2016 in Castrop-Rauxel, 3,1 Prozent in Gladbeck. Mit der Quote von 9,7 Prozent liegt man im Mittelfeld und im Durchschnitt des gesamten Agenturbezirks Recklinghausen: Herten, Marl und Gladbeck geht es schlechter.

"Die Prozentzahlen wirken böser, als sie sind", sagt Bunse. "Wir haben uns dennoch Gedanken gemacht, warum der Abbau der Arbeitslosigkeit in Castrop-Rauxel ins Stocken geraten ist." Ergebnis der Analyse: Die Antwort liege in der Diskrepanz zwischen dem Anforderungsprofil der Arbeitgeber und den Fähigkeiten, die die Bewerber mitbringen. So treffe das auch auf andere Städte des "Kern-Ruhrgebiets" zu: Dortmund, Bochum und Gelsenkirchen. Die Bevölkerungsstruktur, der Strukturwandel durch das Ende des Bergbaus und der Schwerindustrie: Das seien Faktoren.

Bloß nicht noch mehr langzeitarbeitslose Menschen

Und die Lösung? Weiterbildung. Man wolle vermeiden, dass sich zur Gruppe der fast 2000 Langzeitarbeitslosen weitere Menschen gesellen. Unter den Arbeitslosen im Agenturbezirk seien überdurchschnittlich viele Menschen ohne abgeschlossene Ausbildung. Die Arbeitslosenquote in dieser Gruppe liegt bei rund einem Drittel. Bundesweit beträgt sie nur ein Fünftel. Mit abgeschlossener Ausbildung liegt die Quote hier bei unter 6 Prozent, bei Akademikern bei 2,3 Prozent. "Menschen, die aus der Industrie stammen, bieten ihre Fähigkeiten weiterhin an, werden aber nicht mehr nachgefragt", so Bunse. Demgegenüber stünden viele Stellenangebote, die nicht bedient werden können. Stichwort: Fachkräftemangel.

Die Agentur bietet nun mehr Service an, um zu vermitteln: Wenn Arbeitgeber für offene Stellen suchen, aber keine Bewerber haben und von der Arbeitsagentur kein auf den ersten Blick passendes Personal angeboten bekommen, versuchen Sandra Breidenbach (Beraterin im Arbeitgeberservice) und Nicole Voßbrink (Qualifizierungs-Beraterin) nun, Bedarfe besser zusammenzubringen. Weiterbildungsoptionen, Umschulungen, firmeninterne Ausbildung für den eigenen Bedarf - das sind die Mittel. "Wir müssen nicht schwarz sehen", sagt Bunse. "Die Zahl der gemeldeten Stellen ist stabil. Die Quote sozialversicherungspflichtig Beschäftigter ist gestiegen. Aber wir müssen tiefer in jeden Einzelfall einsteigen."

In einem ausführlichen Gespräch sagte Stefan Bunse am Mittwoch:

Warum ist die Situation in Castrop-Rauxel schlechter als in Dorsten, Marl oder Datteln?

Die Prozentzahlen wirken böser, als sie sind. Wir haben uns aber dennoch Gedanken gemacht, warum der Abbau der Arbeitslosigkeit in Castrop-Rauxel ins Stocken geraten ist. Die Antwort liegt in der Diskrepanz zwischen dem Anforderungsprofil der Arbeitgeber und den Fähigkeiten, die die Bewerber mitbringen.

Das müsste doch aber in anderen Orten nicht anders aussehen?

Ja, aber Castrop-Rauxel ist anders als Dorsten, Marl oder Datteln eher Kern-Ruhrgebiet als zum Beispiel Datteln. Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen: Wenn wir die Städte betrachten, liegen wir im Vergleich nicht so schlecht. Die Quoten liegen in Dortmund bei 10,2 Prozent, in Bochum bei 9,7 Prozent, in Gelsenkirchen bei 11,6 Prozent. Das sind Städte, die eine ähnliche Bevölkerungsstruktur haben wie wir in Castrop-Rauxel.

Das heißt, diese Städte sind auch vom Fachkräftemangel am ehesten betroffen?

Diese Städte sind stark von Bergbau und Montanindustrie geprägt und es leben viele Menschen hier, die auf solchen Arbeitsplätzen gearbeitet haben. Die sind aber in den letzten Jahren rapide abgebaut worden. Die Menschen bieten ihre Kenntnisse aus diesen Jobs weiterhin an, werden aber einfach nicht mehr "nachgefragt". Demgegenüber stehen viele Stellenangebote, die nicht immer bedient werden können.

Und das kriegt man mit Bildung hin?

Wir haben uns einfach strukturell hinterfragt. Wir setzen nun unsere eher arbeitgeberorientierten Vermittler verstärkt ein, um mit Kunden in die Beratungsgespräche zu gehen. Dabei können sie die Fähigkeiten der Menschen besser ausloten und schauen, wie sie zu den Stellenageboten passen oder ob man sie dafür so fortbilden kann, dass es klappen könnte. Frau Breitenbach und Herr Erdmann wissen, welche offenen Stellen es gibt. Sie gehen dann in die Bewerberkreise und versuchen, gemeinsam mit dem Arbeitgeber Lösungen zu finden. Sie machen den Kunden die Möglichkeiten klar und zeigen Wege auf, wie sie sich beruflich umorientieren.

Und das ist jetzt neu?

Das haben wir vorher auch gemacht, aber wir werden das nun noch intensiver betreiben. Wir hatten bis dato eine striktere Trennung zwischen dem Arbeitgeberservice und unserer Arbeitnehmer-Kundenbetreuung.

Warum erst jetzt, kann man da fragen.

Die Notwendigkeit war vorher noch nicht so gegeben. Denn wir hatten bis vor einigen Jahren passende Arbeitskräfte für vakante Stellen, ohne dass wir über Qualifizierung sprechen mussten. Arbeitgeber mussten dabei keine Abstriche von ihrer Idealvorstellung machen. Natürlich kann man nicht aus jedem Stahlarbeiter einen Altenpfleger machen. Aber da kommt Frau Voßbrink ins Spiel: Wir haben erheblichen Beratungsbedarf bei diesen Menschen. Oft wissen sie gar nicht über die Möglichkeiten von Umschulungen Bescheid. Es gibt viele Angebote, bei denen auch ihr Vorwissen eingebracht werden kann. Frau Voßbrink kümmert sich darum, diesen Beratungsbedarf zu ermitteln. Sie hat den Gesamtüberblick über die Maßnahmen, die angeboten werden und tritt mit Bildungsanbietern in Kontakt.

Was bedeutet das konkret?

So kann man den Menschen Wege aufzeigen: Wo gibt es Infos? Wo stehe ich? Was kann ich? Was erfordert der Arbeitsmarkt? So können wir Kunden und Bildungsangebote zusammenbringen. Bei Umschulungen begleiten wir die Maßnahme drei Monate lang ganz dicht am Kunden, um die Abbrecherquoten zu senken. Oft werden Umschulungen aus Gründen abgebrochen, die vermeidbar gewesen wären.

Sie haben aber vermutlich nicht mehr Personal in der Agentur für Arbeit. Wie schaffen Sie das Neue? Was lassen Sie dafür weg?

Durch das Ende der Massenarbeitslosigkeit haben wir Freiräume gewonnen, die wir nun nutzen können. In der Zeit der Massenarbeitslosigkeit musste man eher standardisierte Verfahren wählen. Nun können wir stärker in die Stärken- und Schwächen-Analyse bei jedem einzelnen Kunden gehen.

Mit welchem Ziel denn eigentlich genau?

Es geht darum, es gar nicht so weit kommen zu lassen, dass Menschen arbeitslos werden. Wir stehen auch Unternehmen zur Seite bei der beruflichen Weiterbildung. Welches Personal brauche ich als Unternehmer, um weiter zu kommen? Sie sollen nicht mehr ihre vielleicht unpassenden Mitarbeiter auf die Straße setzen und neue Leute suchen, sondern das Personal schulen und es passend machen.

Sie arbeiten dann ja als eine richtige Beratungsagentur.

Stimmt. Früher war es eher so, dass Arbeitgeber nur unsere Vermittlungsaufgaben wahrgenommen haben. Seit etwa 2014 gibt es im Arbeitgeberservice aber auch die Beratung bei der strategischen Personalplanung. Welche Qualifzierungen brauchen meine Leute? Welche Möglichkeiten gibt es? Wie kann ich Leute fit machen, die nicht ganz genau passen?

Strich drunter: Wie bewerten Sie selbst denn die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt vor Ort?

Wir müssen nicht schwarzsehen. Die Zahlen sind nach wie vor sehr ordentlich. Die Zahl der gemeldeten Stellen ist höchst stabil. Die Quote sozialversicherungspflichtig Beschäftigter ist auch gestiegen. Aber wir müssen nun mehr in den Einzelfall einsteigen, um entsprechende Lösungen zu finden. Man muss vor allem vermeiden, dass Leute in die Gruppe der Langzeitarbeitslosen stoßen.

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