Heute vor 50 Jahren

Als das Geld der Castrop-Rauxeler auf die Plastikkarte kam

CASTROP-RAUXEL. - Vor 50 Jahren trat sie ihren Siegeszug an: die Kontokarte, damals (Euro-)Scheckkarte. Ohne Magnetstreifen und Chip. Einfache eine kleine Plastikkarte. Und doch eine Garantie. Wir erinnern uns mit einem Experten an die nicht ganz von Skepsis freie Einführung in Castrop-Rauxel.

Heute nimmt der bargeldlose Zahlungsverkehr immer breiteren Raum ein. Plastikkarte in den Kartenleser einstecken, Geheimzahl eintippen - und die Lebensmittel im Supermarkt sind bezahlt. Oder der Geldautomat spuckt die gewünschte Summe aus. Eigentlich das Normalste auf der Welt. Diese Art des bargeldlosen Zahlungsverkehrs war bis vor 50 Jahren nur ein Traum von Visionären. Damals ließen Banken und Sparkassen große Vorsicht walten.

1968 konnten die ersten Bankkunden in Deutschland eine Scheckkarte in ihre Brieftasche stecken. Im Jubiläumsjahr ihres 150. Geburtstags - so berichtet die Berliner Sparkasse auf ihrer Internet-Seite - begann beispielsweise in der damals noch geteilten Hauptstadt die Banken-Zukunft. Zusammen mit der Umrüstung auf eine moderne elektronische Datenverarbeitung.

Bei der Sparkasse Castrop-Rauxel wurde die Scheckkarte im Geschäftsbericht 1969 erstmals erwähnt, wie Olaf Blomberg, Leiter des Vorstandsstabs der Sparkasse Vest, auf Anfrage unserer Redaktion sagt. In der zweiten Hälfte der 60er-Jahre stellten immer mehr Firmen ihre Lohnauszahlung um. Hans-Georg Dumschat (74), 25 Jahre lang Pressesprecher und Marketingleiter der Sparkasse Castrop, erinnert sich gut an die Zeit, als Klöckner oder Rütgers, die großen Arbeitgeber das taten: "Das ging Hand in Hand in den Banken und in den Unternehmen." Die Menschen seien gezwungen gewesen, Girokonten anzulegen, damit sie weiter ihr Gehalt bekommen konnten. Dumschat: "Ich war eingesetzt auf der Zeche Ickern I/II. Da hatte die Sparkasse ein Büro. Wenn Schicht-Ende war, haben reihenweise Kumpels ihre Unterschrift zur Eröffnung eines Kontos geleistet." Die Zahl der Girokonten sei sprunghaft gestiegen.

Die Skepsis zum StartMan suchte nach einem neuen Weg, wie man bezahlen kann: Das ging mit Verrechnungsscheck, oder man konnte Bargeld abheben. Aber war das gesichert? Dem Neuen gegenüber gab es eine gewisse Skepsis. "Der, der den Scheck anstelle von Bargeld nahm, hatte ja keine Garantie, dass er die Summe ausgezahlt bekam", erinnert Dumschat. "Er konnte den Scheck auf seinem Konto gutschreiben lassen, die Gutschrift erfolgte aber unter Vorbehalt. Darum erfand man auf europäischer Bühne das Eurocheque-System mit der EC-Karte." Damit habe das ausgebende Geldinstitut garantiert, dass der Scheck auch eingelöst wird.

Girokonten und Scheckkarten vereinfachten den Zahlungsverkehr erheblich: 1974 hatte die Sparkasse laut Dumschat 4560 dieser Karten ausgegeben. Vorher sei jeder Kunde auf Bonität hin geprüft worden. 1982 lag die Zahl bei 9060 Karten. Zum Vergleich: Heute führt die Sparkasse Vest für ihre Kundinnen und Kunden in Castrop-Rauxel rund 40.000 Girokonten und rund 45.000 Sparkassen-Cards, so Olaf Blomberg. "Und die werden rege genutzt." Die durchschnittliche Betragshöhe je Transaktion belaufe sich hausweit auf rund 20 Euro.

Vom Zahlungsmittel im Ausland bis zum heute neuen Chip

Durch eine Zusammenarbeit der Banken in Europa wurde es zu Beginn der 70er-Jahre auch im Europa-Urlaub möglich, nahezu grenzenlos mit Karte zu bezahlen oder sich mit Bargeld zu versorgen. Noch einfacher wurde das Abheben, als später die Geldautomaten eingeführt wurden. Mit dem Ende der D-Mark und der Einführung des Euro bekamen die Bank- und Sparkassenkarten immer mehr Funktionen. Durch Magnetstreifen schafften sie den direkten Zugriff aufs Konto. Heute übernimmt das der elektronische Chip, der in den Karten eingebaut ist.

Zunächst ermöglichten die Karten die Bargeldauszahlung an Zahlterminals, später über SB-Terminals das Ausdrucken von Kontoauszügen und das Tätigen einfacher Bankgeschäfte. Beim Onlinebanking von daheim sollen sie einen sicheren Zugriff aufs eigene Konto gewährleisten.

Deutschland ist heute in einigen Bereichen rückständig

Das Ende der Entwicklung ist damit noch nicht erreicht. Denn im Vergleich zu anderen Ländern hinkt Deutschland in Sachen bargeldlosem Bezahlen hinterher. "Da ist man in vielen anderen Staaten, auch in Europa, schon weiter", sagt Ulrich Löbbing, ehemaliges Vorstandsmitglied der Volksbank Haltern. "Wenn Sie in Norwegen mit Bargeld bezahlen, werden Sie mancherorts schon schief angeguckt oder müssen dafür sogar eine Gebühr bezahlen." In den USA kann man selbst auf einem normalen Wochenmarkt an quasi jedem Stand mit Karte bezahlen.

Hierzulande wird bei der Sparkasse laut Olaf Blomberg zurzeit der nächste Entwicklungsschritt vorbereitet: "Ab diesem Jahr wird die Kontaktloszahlung mit der Sparkassen-Card auch über das Smartphone möglich." 1969 kam die Plastikkarte; nicht das Ende der Entwicklung.

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