Jalal (20) auf der Flucht

Sein Kampf für die Freiheit von Ahwaz geht in Castrop-Rauxel weiter

Castrop-Rauxel - Er heißt Jalal. Mehr vom Namen des 20-jährigen Arabers sollen wir nicht schreiben. Wir treffen ihn am Berufskolleg, wo er für Gegenwart und Zukunft in Deutschland lernt. Seine Gedanken aber sind in seiner Heimat Ahwaz an der Grenze Irans zum Irak. Ein unfreies Land, so empfindet er es. Aber es scheint, als lebe er in Castrop-Rauxel aktuell noch gefährlicher.

Wer die Geschichte von Jalal erzählen will, muss eigentlich erst bei der seiner Heimat anfangen. Er ist Araber, kein Perser, obwohl er aus dem Iran kommt. Aus der Grenzregion um die Millionenstadt Ahwaz, die in die iranischen Verwaltungsprovinzen Khuzistan und Hormozgan aufgeteilt ist. Und die das gleiche Glück - oder aber das gleiche Schicksal - teilen: Es ist eine der an Rohstoff reichsten Regionen der Welt, voll von Öl, im Ersten Golfkrieg (1980 bis 88) Ziel irakischer Angriffe und Eroberungsfeldzüge. Diese zerstörerische Zeit ist vorbei, aber die Zeit des Leides, der Unterdrückung, der Ungleichbehandlung der Araber, die dort leben, nicht. Jalal kämpft dagegen.

"Das ist mein Land! Das ist mein Volk!"

"Wir sind ein Volk zwischen Iran und Irak. Ahwaz heißt das Volk, die Stadt, ein Land. Aber es gehört heute zum Iran. Unser König wurde in den 20er-Jahren getötet. Der Iran klaute uns unser Land, das bis 1925 als Emirat Reza Shah autonom war. Seit 93 Jahren gehört die Region zum Iran. Wir sind 13 Millionen Ahwazi und deutlich in der Überzahl gegenüber den Persern. 85 Prozent des iranischen Öls liegen unter unsere Erde. Die Iraner stehlen uns Arabern unsere Schätze.

Die Perser, die aus Teheran gekommen sind, arbeiten in unserem Land. Wir Araber aber dürfen nicht arbeiten. Das ist mein Land! Das ist mein Volk! Ich will dort arbeiten, aber ich kann es nicht. Wir können nicht unsere Meinung sagen, dann werden wir ins Gefängnis gesteckt. Vor wenigen Wochen noch ist ein Mädchen, 15 Jahre alt, entführt worden: Maeda al-Amuri. Weil ihr Vater von der Türkei aus Politik macht, ist sie jetzt im Gefängnis. Egal wie alt wir sind, wir können nicht unsere Meinung sagen - wir kommen ins Gefängnis. Vielleicht werden wir umgebracht."

So erzählt Jalal die Geschichte über das Volk, das Land, aus dem er stammt. Eine Internetrecherche bestätigt durch mehrere valide journalistische Quellen, was er sagt. Es ist seine Wahrnehmung, aber sie ist begründet: Im November, ergibt eine weitere Internet-Recherche, wurde Ahmad Mola Nissi, der Führer der "Bewegung Arabischer Kampf für die Befreiung von Ahwaz" (ASMLA), im niederländischen Den Haag erschossen.

Die Bewegung, die er anführte, soll Terroranschläge verübt haben - vor allem in den 90er-Jahren, als sie sich gründete. Berichten anerkannter niederländischer Medien zufolge nahm die Polizei nach der Tat einen Mann fest, der sich rasch vom Tatort entfernt hatte und über dessen Identität bislang nichts Weiteres bekannt wurde. "Ich habe bei Facebook verfolgt, dass er auf einen Zettel geschrieben hatte: 'Warum machen Syrien und Iran das mit uns?' Zwei Wochen später haben ihn drei Leute dort getötet", sagt Jalal.

Jalal ist kein Anführer, aber er arbeitet in eine ähnliche Richtung. Man muss sich sorgen, dass auch er in Gefahr ist. Denn er gehörte in der Heimat als Jugendlicher einer Gruppe an, die um die Freiheit von Ahwaz kämpfte. 2015 besprühte er Mauern mit der ahwazischen Flagge, erzählt er. "Wir haben auf Arabisch geschrieben: Die Iraner haben unser Land geklaut. Wir müssen aufstehen!" Er habe mit Freunden eine Demonstration organisieren wollen. Das Potenzial dafür, sagt er, sei da: Die etwa vier Millionen Araber, die Ahwazi, leiden unter der Unterdrückung, der Iranisierung ihres Landes.

Im Iran leben insgesamt knapp 80 Millionen Menschen. Über die Hälfte der Araber in dieser Grenzregion sollen Analphabeten sein, gibt die Gesellschaft für bedrohte Völker an. Die Ahwazi werden gezwungen, die Amtssprache Farsi (also Persisch) zu lernen und zu studieren. Für sie ist die Sprache fremd. Viele scheiden darum im Laufe der Schulkarriere einfach aus, fallen durchs Raster, bleiben hängen. Während die hier lebende Mehrheit Arabisch ist, sind Schlüsselpositionen in der Verwaltung und der Industrie an die persische Minderheit (rund 30 Prozent) vergeben. Die Arbeitslosigkeit unter Arabern liegt in manchen Städten bei über 50 Prozent.

Zwei, drei Jahre machte er mit in der Gruppe. Bis eines Tages sein Freund Mussa Sherifi verschwand. Er erfuhr davon im Haus seiner Schwester, erzählte er, wo er war, weil sie geheiratet hatte. "Drei Tage war ich dort, als meine Mutter nach einem Telefonat zu mir sagte: 'Jalal, komm nicht mehr hier her. Dein Freund ist von der Polizei geschnappt worden.' Mein Onkel holte mich ab, brachte mich in ein Versteck, wo ich drei Monate blieb. Sie sagten, man suche überall nach mir."

So begann Jalals Flucht.

"Für etwa 1000 Euro schleusten sie mich bis nach Istanbul"

"Dann kam ein Peugeot 405 vorgefahren. Ich wollte bei meinem Onkel in Hoveizeh bleiben, aber der sagte: 'Du musst gehen! Wenn Sie wissen, wo du bist, machst du auch uns Probleme. Er organisierte alles für mich. Ich fuhr nach Täbris, ganz im Norden des Landes, mit dem Unbekannten im Peugeot, einem Schlepper. Wir stoppten in der Nähe der Grenze zur Türkei. Ich habe geweint, aber ich musste weiter. Drei Tage blieb ich in Täbris, dann wurde ich in die Türkei gebracht. Für etwa 1000 Euro schleusten sie mich bis nach Istanbul, im Auto, zusammen mit einer mir fremden Familie.

Ich hatte noch 1000 Euro dabei, als Taschengeld, von meinem Onkel. Geld für die Flucht nach Europa. In Istanbul kam jemand zu mir, der sagte: 'Ich kann dich nach Griechenland bringen. Das kostet 600 Euro.' Ich sagte, das sei zu viel Geld. Aber was sollte ich machen? Ich habe dann doch gesagt: 'Ich gehe mit dir.' Mit einem anderen Ahwazi, den ich in Istanbul traf, setzte ich im Winter auf die griechische Insel Samos über. Es war kalt, im Boot saßen etwa 50 Menschen. Ich bezahlte 400 Dollar dafür. Mit der Fähre, mit Zügen und Bussen und zu Fuß kam ich über Mazedonien und andere Länder im Oktober 2015 in Deutschland an."

Er kam mit der großen, als "Flüchtlingswelle" bezeichneten Bewegung nach Deutschland. Eigentlich, sagt Jalal, wollte er nach Schweden, aber gemeinsam mit seinem Bruder, der auf anderen Wegen auch geflüchtet war, entschied er um. Dortmund, St. Augustin, Bonn - das waren seine Stationen. Ein Flüchtlingslager, eine Notunterkunft nach der anderen. Heute wohnt er in Habinghorst, zusammen mit vier anderen Geflüchteten in einer Art WG. Hier geht er auch in die Schule: Am Berufskolleg versucht Jalal in einer der Internationalen Klassen, Anschluss zu finden; einen Abschluss zu machen, zunächst den Hauptschulabschluss.

Im Sommer könnte das geschafft sein. Bewerbungen hat er schon geschrieben, das lernt man dort am BKCR. Die Klassenlehrerin Nathalie Franitza-Linek und ihre Kolleginnen in den anderen Internationalen Klassen helfen den Schülern zusammen mit den Schulsozialarbeitern beim Schreiben der Lebensläufe, unterrichtet sie und hilft nebenher bei Formalien, bei der Vermittlung von Rechtsanwälten, bei schwierigen Entscheidungen. Er sagt, er würde gern Schreiner oder Tischler werden.

Aber eigentlich möchte er vor allem für die Freiheit von Ahwaz kämpfen. Zu seiner Familie, seiner Mutter, seinem Onkel, hat er kaum noch Kontakt. Selbst zu seinem Bruder nicht, der auch in Castrop-Rauxel lebt. Er sagt, dass sie dann Probleme bekommen könnten. So wie sein Onkel jüngst: In einer Ahwazi-Gruppe bei Facebook, in der auch für die Freiheit von Maeda gekämpft wird und in der Jalal aktiv ist, sei Mitte Februar ein Foto eines im Iran jetzt inhaftierten Mannes aufgetaucht. "Er hat seinen Onkel darauf wieder erkannt", sagt Jalals Lehrerin Nathalie Franitza-Linek.

"Wenn du nicht aufhörst, kommen wir und töten dich"

Jalal sagt: "Mitte Januar habe ich einen Anruf bekommen: 'Mach den Mund nicht auf. Wir wissen, wo du wohnst. Wenn du nicht aufhörst, kommen wir und töten dich', hat der Anrufer gesagt. Ich weiß nicht, wer es war. Aber das und dieser Anruf sind mir egal. Meine Menschen sind alle tot auf der Straße - jeden Tag. Die Iraner nehmen uns alles. Was habe ich zu verlieren?"

Jalal erinnert sich an ein Ereignis, als er sieben Jahre alt war, erzählt er. Weil es sich eingebrannt hat. "Ein Iraner kam mit einem Pick-Up angefahren, hielt an, stieg aus und schoss um sich. Er brachte mehrere Leute auf der Straße einfach um. Ich musste es mit ansehen." Es beschäftige ihn bis heute, sagt Jalal. Auch da, wo er heute ist: im Berufskolleg an der Wartburgstraße, in seiner Wohnung ganz in der Nähe.

Kann er dort bleiben? Jalal kann es nicht gut erklären. Er hatte keine gültigen Dokumente bei sich, als er nach Deutschland kam. Im Interview mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hatte er keine Beweise. Er hat nun einen Anwalt in Hemer. "Ich habe kein Heimatland: Manchmal steht Iran in meinen Papieren, manchmal Irak. Aber nie Ahwaz."

Seine Identität, sein Status scheinen ungeklärt. "Wir haben eine enge Klassengemeinschaft", sagt Lehrerin Nathalie Franitza-Linek - in allen Internationalen Klassen des Berufskollegs. Häufig stärker als in den Regelklassen. "Sie haben ähnliche Schicksale, sie sind häufig sehr empathisch, sie wissen, worauf es wirklich ankommt", sagt sie. 23 Schüler, darunter ein Mädchen. "Sie nennen ihn auch ihren Bruder", sagt die Lehrerin.

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