Tim Lüchtemeier vom FC Frohlinde

Ersatztorwart mit dem Zeug zu mehr 

Castrop-Rauxel. - Durch die Luft fliegen, Bälle abfangen und den Gegner mit Glanzparaden zur Verzweiflung bringen: Dinge, die Torwart Tim Lüchtemeier vom Landesligisten FC Frohlinde liebt. Doch darf er dies zumeist nur im Training tun, denn Lüchtemeier ist nur Stellvertreter zwischen den Pfosten. Wie ist das als 2. Mann? Teil 1 unserer neuen achtteiligen Serie "Die Nummer 2".

Es ist Donnerstag. Die Uhr zeigt 18.55 an, als Tim Lüchtemeier (23) den Kunstrasenplatz im lockeren Joggingtempo betritt. Direkt schnappt sich der 23-Jährige einen Ball und ruft der Nummer eins, Daniel Schultz, der sich seit ein paar Minuten warmläuft, zu: "Los geht's?" Gemeint ist damit das lockere Zuspielen des Balles. Ein Gefühl für das Spielgerät bekommen, darum geht es. Es ist die erste von mehreren Aufwärmübungen vor dem Spiel. Und jede einzelne macht Lüchtemeier motiviert mit. Auch wenn er weiß, dass er zum Anpfiff des Spiels gegen den TuS Wischerhöfen mal wieder nur auf der Bank sitzen wird.

Dabei würde auch Lüchtemeier gerne im Spiel zwischen den Pfosten stehen und helfen. Aktiv helfen, die nötigen Punkte für den Klassenerhalt zu sichern. Denn noch steckt der FC Frohlinde mitten im Abstiegskampf. "Das ist manchmal schon echt hart, nicht zu spielen. Gerade, wenn es gegen Mannschaften geht, aus deren Reihen ich viele kenne und gegen die ich daher besonders gerne spielen würde", sagt der 23-Jährige.

Wehmut schwingt in diesen Wort mit. Denn gerade ein junger Fußballspieler benötigt viel Spielpraxis, um sich sportlich weiterzuentwickeln. Und noch mehr ein Torwart, denn für ein gutes Torwartspiel ist Routine unabdingbar. Viele Dinge im Spiel müssen in sekundenschnelle entschieden werden. Rauslaufen? Auf der Linie bleiben? Die richtige Entscheidung zu treffen, ist nicht immer einfach für einen Keeper, aber mit Spielpraxis und Erfahrung um einiges leichter. "Die Spielpraxis fehlt ihm ganz klar, das kann man auch nicht durch Training alleine ausgleichen", so Torwart-Trainer Holger Holz.

Lüchtemeier fiebert mit dem Team mit

Mittlerweile ist es 19.05 Uhr. "Timmi", ruft Schultz, "geh mal noch nen paar Meter weiter zurück." Lüchtemeier gehorcht und erhöht den Abstand zu Schultz auf gut 35 Meter. Die beiden Torhüter spielen sich jetzt den Ball nicht mehr flach, sondern hoch zu. Und ein paar Zeigerumdrehungen später steht das abschließende "Einschießen" auf dem Programm. Die Feldspieler des FC Frohlinde bekommen einen Ball auf Höhe des Strafraums aufgelegt und schießen auf das Tor. Lüchtemeier steht rechts neben dem Kasten. Denn bei dieser Übung steht die Nummer eins im Tor. Trübsal bläst Lüchtemeier aber nicht - im Gegenteil. "Starke Parade", lobt er Schultz, als dieser einen präzisen Flachschuss noch so gerade aus der unteren rechten Ecke kratzt. Und kurz darauf geht es für das gesamte Team noch mal in die Kabine - die Ansprache der Trainer wartet.

Pünktlich um 19.30 Uhr sind die Teams wieder auf dem Platz. Sie treffen sich am Mittelpunkt zur gegenseitigen obligatorischen Begrüßung. Tim Lüchtemeier ist nicht dabei. Er sammelt vor der Bank, auf der die Ersatzspieler Platz nehmen, die Bälle ein und packt sie in ein Netz. Die Nummer zwei nimmt es gelassen. "Ich bin nicht der Typ, der dann eine Fleppe zieht. Ich erledige meine Aufgaben und fiebere mit dem Team mit."

Und das sind nicht bloß hohle Phrasen des 23-Jährigen, sondern das Mitfiebern wird regelrecht gelebt. Nicht ein einziges Mal während der 90 Minuten setzt sich der Ersatztorwart auf die Bank. Stattdessen lehnt er in lässiger Pose an der Querstange, die den Platz eingrenzt. Gerne mit einem Fuß auf einem der Ersatzbälle. Dass auch er als Ersatzmann angespannt ist, merkt man. Sobald seine Teamkameraden in die gegnerische Hälfte eindringen, lehnt sich Lüchtemeier nach vorne, um bloß nichts zu verpassen. Und als Lukas Wolfarth das frühe 1:0 (6.) gelingt, springt Lüchtemeier in die Höhe, umarmt Coach Michael Wurst und klatscht danach mit den übrigen Ersatzspielern ab.

Dass die Rolle des Ersatzmannes für Tim Lüchtemeier nicht überraschend kam, helfe ihm, mit der Situation kollegial und professionell umzugehen. Hintergrund: Als Lüchtemeier zur Saison 2015/2016 nach zweieinhalbjähriger Fußballpause zum FC Frohlinde, damals noch Bezirksligist, wechselte, gab es eine klare Ansage seitens der FC-Verantwortlichen. "Der Verein suchte eine Nummer zwei. Das wurde so klar kommuniziert. Ich wusste also, worauf ich mich einlasse", berichtet Lüchtemeier. Und ihm sei klar gewesen, dass er als Nachwuchskeeper einer gestandenen Nummer eins gegenüber nicht direkt Ansprüche anmelden würde können. Bei dieser Rollenverteilung ist es bis heute geblieben, wenngleich sich das Blatt beinahe einmal zugunsten Lüchtemeiers gewendet hätte.

Aussicht auf Stammplatz durch Auslandsaufenhalt verloren

In der Vorbereitung auf die Spielzeit 2016/2017 überzeugte Lüchtemeier auf ganzer Linie, hatte die Nase im Rennen um den Platz im Tor laut Torwarttrainer Holger Holz vorne, schob dann jedoch einen halbjährigen Auslandsaufenhalt ein. "Das war mit Blick auf meine sportliche Situation nicht so klug", so Lüchtemeier rückblickend. Es gebe aber eben auch Dinge, die wichtiger als der Sport seien.

Letztlich war es aber auch eine Entscheidung, an der noch heute sportlich zu knabbern hat. "Ich weiß, dass ich jetzt wieder hinten anstehe, dass ich aktuell nicht viele Spiele bekomme. Ich muss dranbleiben, darf nicht aufgeben, dann wird meine Chance kommen", sagt Lüchtemeier. Schließlich kann sein Können jederzeit gefragt sein. Eine Verletzung oder ein Platzverweis der Nummer eins und schon stünde Lüchtemeier im Fokus. "Ich weiß, dass ich mental immer voll dabei sein muss", so der Ersatztorwart. Und sein Torwarttrainer Holger Holz hätte auch keinerlei Bedenken, seine aktuelle Nummer zwei ins Spielgeschehen zu schicken. "Dazu hätte er allemal das Zeug."

Niemals aufstecken

Dass eine Nummer zwei niemals innerlich kapitulieren darf, sondern jede sich erdenkende Gelegenheit nutzen muss, um sich zu präsentieren, weiß auch der Castrop-Rauxeler Michael Esser. Auch er ist Torwart und das sogar als Profisportler bei Hannover 96 in der Bundesliga. Aber auch Esser ist nur der Stellvertreter, hält es aber genau wie Lüchtemeier. Esser sagt: "Man muss da sein, wenn man gebraucht wird. Man muss jeden Tag das Bestmögliche geben und sich präsentieren."

Auch Lüchtemeier präsentiert sich im Spiel gegen den TuS Wischerhöfen. Zwar nicht als aktiver Torwart, aber als fairer Sportsmann. Es läuft die 44. Spielminute und sein Konkurrent Schultz lenkt einen scharfen Ball noch so gerade über die Latte. "Super Ding", ruft Lüchtemeier Schultz zu: "Den hätte ich bestimmt nicht gehalten."

Halbzeit. Das Wetter schlägt um. Es nieselt, es ist windig und gefühlt unter null Grad. Während die Teams zur Halbzeitbesprechung in den Kabinen sind, machen sich die Ersatzspieler auf dem Platz warm. Die gute Laune hat Lüchtemeier trotz des nun miesen Wetters nicht verloren. Er steht im Tor und lässt sich ein paar Bälle um die Ohren schießen. Aus den Lautsprechern dröhnt Schlagermusik, der Geruch von Bratwurst und Pommes liegt in der Luft. "Davon darf man sich nicht ablenken lassen. Man muss sich fokussieren", so Lüchtemeier. Und als die Mannschaften zurück aufs Feld kommen ballt der 23-Jährige die Faust und ruft seiner Truppe zu: "Los, weiter so."

Und obwohl die Rollen im Tor klar verteilt sind, das Verhältnis der zwei Torhüter gut ist und Lüchtemeier "viel von Daniel Schultz lernen kann" - irgendwann muss auch die Nummer zwei aus dem Schatten treten und regelmäßig spielen, wenn es sportlich vorwärts gehen soll. Michael Esser sagt über Lüchtemeiers Situation: "Wenn man so jung ist, sollte man meiner Meinung nach schon spielen. Wenn es über kurz oder lang nichts wird, muss man über einen Wechsel nachdenken."

Ein Gedanke, der auch Lüchtemeier durch den Kopf geht. "Auf Dauer möchte ich natürlich schon spielen und die Nummer eins sein. Ich könnte mir dafür auch vorstellen, wieder eine Liga tiefer, in der Bezirksliga, zu wechseln." Aber dies seien, das betont Lüchtemeier, Zukunftsgedanken. Aktuell geht es um den FC Frohlinde, das Team und den Klassenerhalt.

Jetzt sind es nur noch zehn Minuten bis zum Schlusspfiff. Noch immer führt Frohlinde beim Heimspiel mit 1:0. Aber die Gastgeber wackeln bedenklich. Mehrfach muss sich Schultz im Tor mit Glanztaten auszeichnen. Und jedes Mal gibt es Applaus von Lüchtemeier. "Das geht heute noch schief", unkt ein Zuschauer hinter der Trainerbank.

Er sollte nicht recht behalten, denn die 82. Minute bringt die Erlösung. Dietrich Liskunov trifft zum 2:0 für den FCF - die Entscheidung. Die Ersatzspieler samt Trainer-Crew liegen sich in den Armen. Und irgendwo da mittendrin ist auch Lüchtemeier. Als der Schiedsrichter die Partie acht Minuten später pünktlich abpfeift sucht Lüchtemeier den direkten Weg zu seinem Konkurrenten Schultz.

Die Zwei klatschen sich ab und Schultz legt den Arm um seinen Stellvertreter. "Ich bin froh, dass ich so ein Duo habe und sie sich so gut verstehen", sagt Trainer Michael Wurst mit einem Grinsen. Und in der Tat, selbstverständlich ist so ein gutes Verhältnis zwischen Konkurrenten nicht. Erst recht nicht zwischen Torhütern, wo eben immer nur einer spielen kann.

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