Viele Barrieren

So schlecht steht es um den Hauptbahnhof in Rauxel

Rauxel - Die Beschwerden über die Zustände im, am und um den Hauptbahnhof in Rauxel reißen nicht ab. Das zeigt sich beim Ortstermin. Nun hat auch noch der Bäcker geschlossen. Und was wird aus dem Ticketschalter?

Es steht schlecht um den Hauptbahnhof in Rauxel. Beim von unserer Redaktion organisierten Ortstermin mit der kommunalen Politik wird das deutlicher als je zuvor. Es gibt eine neue, schlechte Entwicklung zu verzeichnen.

Die Deutsche Bahn, das Verkehrsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen und die Aufgabenträger im Personennahverkehr, also der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, aber auch Nahverkehr Rheinland (NVR) und Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL), rühren seit Herbst 2016 kräftig die Werbetrommel für die Kampagne "#1 von 150 - Moderne Bahnhöfe für NRW".

Bis 2023 soll 1 Milliarde Euro investiert werden, um 150 Bahnhöfe zwischen Rhein und Ruhr fit für die Zukunft zu machen. Zwar gehört der Hauptbahnhof Castrop-Rauxel zu jenen 150, in die investiert werden soll, aber was dort passieren soll, wird auf der Internet-Seite zur Kampagne nicht erwähnt. Seitens der Bahn wurde bereits detailliert kommuniziert, dass es zumindest im Bahnsteig- und Gleisbereich Arbeiten geben wird, um die Strecke für den Rhein-Ruhr-Express (RRX) anzupassen.

Zukunft des Bahnhofsgebäudes bleibt ungewiss

Aber was wird aus dem Bahnhofsgebäude? Das ist wohl ein ungeliebtes Kind, denn Anfang des Jahres wurde es der Stadt Castrop-Rauxel von der Bahn zum Kauf angeboten. In den vergangenen Wochen hat der Hauptbahnhof immer wieder für Empörung unter Nutzern und Anwohnern gesorgt. Dreckig sei der Bahnhof, man könne seit Jahren nicht einmal mehr Zeitschriften oder Zigaretten kaufen, die Toilette des Bäckers im Bahnhofsgebäude sei in einem katastrophalen Zustand, hieß es da.

Was nun das Fass zum Überlaufen brachte, sind die Entwicklungen der vergangenen Woche: Öffnete die Bäckereifiliale in letzter Zeit nur noch sporadisch ihre Türen und konnte somit auch nur dann Zugang zum beanstandeten Sanitärbereich gewähren, so ist die Tür jetzt dauerhaft dicht. "Die ganze Kette, zu der die Bäckerei gehört, ist pleite. Die haben seit Monaten wohl keine Miete mehr bezahlt", sagt der Mann, der da im Halbdunkeln am VRR-Ticketschalter im Bahnhof die Fahrkarten verkauft. Eine Hiobsbotschaft, der er hinzufügt, dass seine Arbeit hier sich auch in absehbarer Zeit dem Ende zuneigen werde. "Das läuft auf Provisionsbasis und ist so gut wie nicht mehr rentabel, da die meisten ihre Fahrkarten im Internet kaufen", sagt er.

"Das ist überhaupt nichts mehr"

Der 76-jährigen Margret Strätker reißt der Geduldsfaden, als sie das hört: "Die Sparkasse machen sie uns dicht, jetzt den Bäcker und demnächst den Fahrkartenverkauf! Was sollen wir alten Leuten denn jetzt machen? Wir haben mit diesem sch*** Internet nichts am Hut!"

Der Bäcker, der war für Strätker und ihre Freundinnen ein Treffpunkt. Nach dem Einkaufen traf man sich hier bei einer Tasse Kaffee zum Klönen. Da hat man auch darüber hinweggesehen, dass die Toilette verschmutzt war, beizeiten überlief. Immerhin, es gab Brötchen und Kaffee, gute Gespräche. Jetzt schaut sie sich auf dem Berliner Platz um, meint, das alles vor die Hunde gegangen sei. "Was sollen wir hier denn anfangen?. Das hier ist kein Hauptbahnhof, das ist überhaupt nichts mehr!" Und was sagt die Politik? Wir trafen uns mit Ortsvereinsvorsitzenden vor Ort:

Hans-Hugo Kurrek, CDU-Mann und stellvertretender Bürgermeister Castrop-Rauxels, kann Strätker nicht widersprechen. Mehr noch, der Politiker bringt das auf den Punkt, was viele schon lange denken: "Der Hauptbahnhof sollte ein Eingangstor der Stadt sein, attraktiv sein und den Reisenden aufzeigen, was Castrop-Rauxel kann. Aber das Gegenteil ist der Fall. Dieser Bahnhof ist ein Armutszeugnis für uns als Stadt." Das findet die Seniorin auch: "Aber alle reden immer nur. Wieso hilft die Stadt uns dann nicht - und kauft den Bahnhof der Deutschen Bahn ab?"

Gutachten soll im Frühjahr vorliegen

CDU-Ratsherr Achim Gärtner wagt den Versuch einer Erklärung. "Wir haben das alles schon durchgespielt. Wir kommen aber nicht weiter", sagt er. Es hänge ja eben nicht an dem von der Bahn ausgerufenen Preis - 100.000 Euro sollen es sein -, sondern an dem, was sich da an tatsächlichen Folgekosten verstecken würde.

Kurrek, selbst fassungslos über das, was man gerade erst beim VRR-Ticketschalter hörte, führt das näher aus: Eine Sanierung der Ladenlokale wäre notwendig, Sanitäranlagen müssten erneuert und dauerhaft unterhalten werden. "Und wer weiß, was da noch drinsteckt, von dem wir noch nichts wissen", sagt er. Klären soll den tatsächlichen Wert und Investitionsbedarf des Gebäudes ein Gutachten, das Bahn und Stadt beauftragt haben. "Vorliegen soll es im Frühjahr. "Deswegen lässt sich da beim besten Willen noch überhaupt nichts zu sagen", merkt SPD-Ratsherr Rüdiger Melzner an.

Und selbst für den Fall, dass das Gutachten dann vorliege, kann man keine Hoffnung schüren: Klamme Kassen der Kommune und Haushaltssanierungsplan stehen dem im Weg, dass die Stadt von ihrem Vorverkaufsrecht Gebrauch machen könnte. Allenfalls einen Dritten als Käufer vorschlagen, das wäre von Seite der Stadt drin.

Toilette wie am Leo-Platz im Gespräch

Dieses Wissen hilft jetzt Margret Strätker nicht wirklich weiter, bringt es doch weder einen Bäcker noch eine Toilette zurück in den Bahnhof. Hans-Hugo Kurrek ist dennoch zuversichtlich, dass sich in nächster Zeit ein neuer Bäcker im Bahnhof ansiedeln könnte. "Schließlich geht es hier um eine Pleite des Konzerns und nicht etwa darum, dass sich ein Bäckereibetrieb im Bahnhof nicht rentabel betreiben lässt", ermuntert er.

Auch findet er, dass man eine öffentliche Toilette nach Vorbild jener auf dem Leo-Platz ins Auge fassen könnte. Dazu brauche es aber Sponsoren, die den Betrieb sicherten. "Ansonsten kann die Politik Anstoß leisten, auf die Deutsche Bahn einwirken und zeigen, dass die Bürgerschaft den Berliner Platz annimmt", so Kurrek.

Vor 20 Jahren sah es noch viel gruseliger aus

Nach einer Stunde löst sich die Gruppe auf. Ganz so schlimm wie sie empfindet Bernd Goerke, Ratsherr der SPD und bis vor kurzem noch ihr Fraktions-Vorsitzender, das Ganze nicht. Nach unserem letzten Bericht über die Zustände kommentierte er an unsere Redaktion bei Facebook: "Da werden nur negative Kommentare von befragten Personen wiedergegeben. Es wird nur nach fehlerhaften Dingen oder Dreck gesucht. Aber kein Wort darüber verloren, wie gruselig der Bahnhof noch vor gut 20 Jahren aussah. Noch ohne Durchgang zur Nordseite, noch ohne Park+Ride; dazu gab es bis in die 90er-Jahre weit weniger Zugabfahrten, geschweige durchgehenden Nahverkehr am Wochenende. Aber nein, über Verbesserungen will man nicht berichten", meint Goerke.

Glücklich über die Entwicklung sei er aber auch nicht, sagte er am Freitag auf Nachfrage: Die Bahn mache am Gebäude nichts mehr, denn es stehe zum Verkauf. Wer es aber kauft: offen. Und was ist eigentlich dran an der Pleite des Bäckers Daily Klems? Dazu wollte die Redaktion mit dem Chef des Unternehmens sprechen. Aber der war trotz mehrfacher Versuche nicht erreichbar.

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